Aber, wie seit vierzig Jahren, nur für den Westen. Die Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen und Bulgaren werden der Nato nicht beitreten können. Ihre Sicherheit hängt davon ab, wer in Moskau regiert, ein Gorbatschow oder vielleicht ein rabiater russischer Nationalist. Alle Schwächen der Sowjetunion können nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie nach wie vor die zweite Militärmacht der Welt ist; sie wäre es sogar dann noch, wenn ihre südlichen Republiken verloren gingen. Moskau bleibt eine europäische Großmacht, und nur unter Einbeziehung Moskaus kann Sicherheit für Europa geschaffen werden. Für Rußland gilt das gleiche wie für Deutschland: Man darf es nicht ausschließen, nicht an den Rand drängen, man muß es beteiligen.

Hilfe für die östlichen Nachbarn

Die Westeuropäer und Amerikaner daran zu erinnern, ist ein Gebot der Klugheit für die Deutschen. Sie hätten dabei Verbündete unter den befreiten Nationen im Osten, die zweierlei brauchen: Sicherheit vor Deutschland und vor Rußland; die Nato aber bietet ihnen nur das erste. Für Bonn und Ost-Berlin kann es am Zwei-plus-vier-Verhandlungstisch nicht genügen, ihre deutschen Ziele, Vereinigung und Souveränität, durchzusetzen. Kohl und de Maizière sollten vom Tisch erst dann aufstehen, wenn Einvernehmen über Grundsätze und Fahrplan zu einer Sicherheitsorganisation für ganz Europa erreicht ist.

Die zweite europäische Pflicht, die deutsches Eigeninteresse gebietet, gilt der Europäischen Gemeinschaft. Schon der Eindruck hat geschadet, wir vergäßen über der deutschen Währungsunion die europäische. Vierzig Jahre lang schöpfte die Bundesrepublik ihre Kraft und ihr Ansehen aus dem Rückhalt und Vertrauen Westeuropas und Amerikas. Ein vereintes Deutschland kann nur aus derselben Quelle leben.

Aber ein vereintes Deutschland kann auch nicht dulden, daß die Europäische Gemeinschaft an der Oder endet. Die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn, später auch die Rumänen und Bulgaren streben alle nach Brüssel. Doch sie müssen Schlange stehen und abwarten, ob sie hineingelassen werden. Die Deutschen in der DDR bekamen sogleich eine Eintrittskarte, weil sie in der Brüsseler Geschäftsführung einen Verwandten haben. Wobei die Wartenden sich erinnern, daß sie es den Deutschen verdanken, daß sie Schlange stehen müssen. Denn erst Hitlers Krieg brachte den Kommunismus bis zur Elbe.

Warum macht sich die Bundesregierung nicht zum Anwalt der Ost-Nachbarn, die in die EG wollen? Unter zehn Jahren ist eine Vollmitgliedschaft gar nicht möglich, aber die Nationen dort brauchen ein Zeichen der Hoffnung. Alle Nöte, die wir jetzt aus der DDR kennen, grassieren auch dort – nur noch viel schlimmer. Lediglich den eigenen Leuten zu helfen ist erstens schäbig und zweitens kurzsichtig. Wenn östlich und südöstlich von uns die Nationalismen aufeinanderprallen, wenn starke Männer die noch schwachen Demokratien verabschieden, wenn die Not sich in sozialen Explosionen entlädt, dann fliegen auch uns die Trümmer um die Ohren, uns Deutschen als Nachbarn sogar die meisten.

Für Deutschland gilt das gleiche wie für Polen, dessen Ministerpräsident vor kurzem sagte: "Das Fundament unserer Politik muß die Versöhnung nach Westen wie nach Osten sein. Erst wenn uns diese Versöhnung gelingt, wird man von einem neuen Europa sprechen können. Sonst wird das neue Europa nur einen Teil des Kontinents umfassen, und der andere würde in alten historischen Konflikten verharren. Wir stehen vor einer großen historischen Chance für uns – und ich denke auch für Europa."