Touristen meiden Turin, dabei hat die Stadt viel mehr zu bieten als Autos, Arbeitsmoral – und Fußball

Von Antonella Romeo

Wenn Italien ein Sprungbrett ins Meer ist, das Land der Sonne, die Schmiede der Renaissance, dann ist Turin eine recht unitalienische Stadt.

Wenn die geschwungenen Barockformen Turins den Besucher dazu verführen, sich nachts auf die Suche nach dem Zauber dieser dekadenten Stadt zu machen, wenn er hinaustritt auf das Schachbrett der Straßen, dann liegt Melancholie zwischen den Säulengängen der alten in ihrer Schönheit unversehrten Palazzi dicht wie der Nebel im Winter, streng wie die Schienen, die das Porphyrpflaster der Straßen durchschneiden.

Viele haben Turin das "italienische Detroit" genannt, ohne zu bedenken, daß Detroit eine ausgepowerte Stadt ist, eine großstädtische Wüste, während Turin seit Jahrhunderten Geschichte und Kultur macht. Um das Klischee von der Industriemetropole zu verdrängen, sollte man sich Turins Historie von den Königen, Fürsten und Condottieri erzählen lassen, deren Bronzestatuen die vielen ansehnlichen barocken Plätze bevölkern. Und man würde die Geschichten und Legenden des königlichen und des aristokratischen Turin kennenlernen, die Geschichten und Legenden der prunkvollen Palazzi aus dem 17. Jahrhundert, der Kirchen, Kunstsammlungen, Museen und der zehn Kilometer arkadengesäumter Straßen.

Aber die Menschlichkeit der Monumente hat ihre Grenzen, und die Bücher, die sich mit all den Denkmälern beschäftigen, sind verblichene Zeugen. Und wie soll man dem rhetorischen Samt, dem Puder und Staub, entrinnen, der Turin als einen Schrein voller Stuck und Gespenster, als ein Museum dynastischer und industrieller Archäologie beschreibt?

Domenico Blandino – seine Freunde nennen ihn Guglielmo – hat die meisten seiner 94 Jahre in Turin gelebt, am Largo Regio Parco, dem "Großen Königlichen Park", einer Autoschneise. Man kann Guglielmo als eine Art Dolmetscher dieser Stadt betrachten. Das Turin der Verkehrsstaus und der stumpfsinnigen Hupkonzerte bleibt aus seiner Wohnung ausgesperrt. Die Welt schleicht sich durch den Fernseher in sein Zimmer, verstärkt noch von den großen Kopfhörern, die er beharrlich übergestülpt hat. "Heutzutage senden sie nur noch americanate", beklagt er sich. Americanate – "amerikanisches Zeug" – ist für ihn alles, was die moderne Gesellschaft an Scheußlichkeiten und Dummheiten hervorzubringen vermag.