Voller Sorge ist Tyll Necker, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie: "Wer Zweifel sät, wird eine neue Fluchtwelle ernten." Der oberste Repräsentant der Unternehmer drängt auf eine schnelle Ratifizierung des in der SPD umstrittenen Staatsvertrags mit der DDR. Doch selbst wenn das Dokument zügig die parlamentarischen Hürden überwindet: Es bleiben genügend Zweifel an den Rahmenbedingungen in der DDR, um Investoren abzuschrecken.

Trotz der grundsätzlichen Regelung im Staatsvertrag bestehen nach wie vor erhebliche Ungewißheiten im Eigentumsrecht. Da ist noch viel Stoff für Expertengespräche und Klarstellungen, wie sie die FDP zu Recht fordert. Ein Gesetzentwurf über die steuerliche Begünstigung von Investitionen in der DDR muß ebenfalls noch durch das Bonner Parlament gebracht werden. Und bereits fordern die Gewerkschaften, die Löhne in der DDR so schnell wie möglich auf bundesdeutsches Niveau zu hieven, obwohl doch die Produktivität der Beschäftigten auf absehbare Zeit viel niedriger bleiben wird als in der Bundesrepublik. Lohnt sich bei so vielen Imponderabilien wirklich der Bau einer neuen Fabrik oder eines Zweigwerks im Osten – zumal für einen Markt, der nicht größer ist als Nordrhein-Westfalen? Ist die DDR wirklich ein interessanter Standort für Investitionen?

Die Antwort der Unternehmer ist einstweilen eindeutig. So groß die Worte und Ankündigungen waren, so groß ist vorerst auch die Zurückhaltung, wenn es um Taten geht. Gewiß, VW läßt ein paar Polos in der Nähe von Zwickau bauen, Opel will mit dem Modell Vectra in Eisenach nachziehen, und Mercedes-Benz werkelt im Ifa-Kombinat für Lastwagen mit. Doch das sind zaghafte Gehversuche. Ob Elektrobranche oder Chemie, Maschinen- oder Fahrzeugbau: Kaum einer der großen bundesdeutschen Konzerne hat sich über Absichtserklärungen hinaus unwiderruflich entschieden, demnächst Hunderte von Millionen oder gar Milliarden Mark in der DDR zu investieren.

Immer häufiger machen deshalb Horrorszenarien die Runde. Aufbruchstimmung in der DDR? Gründerzeit? Wirtschaftswunder? Statt dessen ist plötzlich die Rede von der zukünftigen Elendsregion, vom Mezzogiorno eines vereinten Deutschlands. Denn ohne westliches Kapital (auch und gerade von Großkonzernen), lautet die Beweisführung, wird das Land den gewaltigen Rückstand auf die Bundesrepublik nicht schnell genug wettmachen können. Wenn aber das Kapital nicht kommt, gehen die Menschen zu ihm.

Die pessimistische Annahme, die DDR sei auf absehbare Zeit kein sonderlich attraktiver Standort für Großbetriebe, scheint auf den ersten Blick ziemlich einleuchtend. Wozu sollten BMW oder Daimler dort produzieren, wenn die Menschen die Nobelkarossen ohnehin nicht bezahlen können? Warum sollten Bayer, Hoechst oder BASF die Chemieindustrie sanieren, solange nicht geklärt ist, ob wirklich der Staat die Altlasten der verseuchten Böden trägt? Doch die Folgerung, deswegen werde die heutige DDR auch das Armenhaus Deutschlands bleiben, ist ein Kurzschluß.

Denn es kommt jetzt ein Prozeß in Gang, der komplex und deshalb kaum kalkulierbar ist. Auch nach vierzig Jahren Kommandowirtschaft werden unzählige Menschen die neue Freiheit zu nutzen wissen und sich eine eigene Existenz aufbauen, wenn dies materielle Vorteile und gar Wohlstand verspricht.

Existenzgründer und neue Kleinunternehmer bilden das entscheidende Entwicklungspotential. Kein Zweifel, daß Handwerk und Handel, Transport und Tourismus, alle konsumnahen Gewerbe, Reparatur- und Baubetriebe florieren werden. Da ist heute schon Gründerzeit, da entfaltet die DDR bereits ihre Eigendynamik.