Von Gabriele Venzky

Die pakistanische Ministerpräsidentin Benazir Bhutto, nie um große Worte verlegen, erklärte wütend, ein "tausendjähriger Krieg" um Kaschmir sei möglich. Der indische Regierungschef Vishvanath Pratap Singh gab höhnisch im Bewußtsein der militärischen Überlegenheit seines Landes zurück, solch ein Krieg würde nicht einmal tausend Stunden dauern. Darauf antwortete Benazir Bhutto: "Krieg mit Indien ist vorstellbar, aber ein bewaffneter Konflikt stellt doch keine Lösung dar, wir sind zu Gesprächen bereit." V.P. Singh honorierte dieses Einlenken nicht, sondern beharrte unnachgiebig: Erst müsse Pakistan aufhören, die Militanten im Kaschmir-Tal zu unterstützen. In der gegenwärtig aufgeheizten politischen Atmosphäre bezeichnen die Inder sie gern allesamt als Terroristen und Mörder.

Während in der ganzen Walt die Überreste des Kalten Krieges beseitigt werden, bereiten sich die beiden Erzfeinde des Subkontinents auf einen neuen Krieg vor. Und dieser Krieg kann katastrophale Ausmaße annehmen, weil Indien wie Pakistan über Atomwaffen verfügen. Keines der beiden Länder will den Krieg, aber die amtierenden Regierungen sind so instabil, daß sie sich leicht in ein militärisches Abenteuer manövrieren können, weil sie sich gezwungen fühlen, aus innenpolitischer Schwäche außenpolitische Stärke zu demonstrieren. Das gilt zumal für Benazir Bhutto: Ein Krieg, den sie nicht gewinnen kann, wäre das Ende ihrer politischen Karriere und wohl auch das Ende der jungen Demokratie in Pakistan. Aber auch V.P. Singh kann aus einem militärischen Konflikt kaum politisches Kapital schlagen. Der von rechtsextremen Hindus unter Druck gesetzte Regierungschef müßte diesen über kurz oder lang das Terrain überlassen und damit auch das Schicksal der Demokratie in Indien.

Dennoch nimmt die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung wieder zu. In der vergangenen Woche ist der höchste religiöse Führer in Kaschmir ermordet worden; bei seiner Beerdigung haben indische Sicherheitsstreitkräfte mindestens 50 Menschen erschossen. Die blutigen Zwischenfalle haben nicht nur einen vielleicht noch möglichen Normalisierungsprozeß gestoppt. Die beiden Lager stehen sich jetzt derart unversöhnlich gegenüber, daß eine friedliche Lösung kaum mehr möglich erscheint. Der Mirwaiz Mohammed Farooq hatte zwar in seinen feurigen Freitags-Reden die Unabhängigkeit Kaschmirs propagiert, war gleichwohl aber letzte moderate Moslem-Führer von Gewicht, mit dem die Inder hätten verhandeln können.

Ausländischen Journalisten und Beobachtern waren Reisen nach Kaschmir bisher absolut verboten. Delhi wollte nicht nur unbequeme Zeugen fernhalten. Die indische Regierung fürchtete fast noch mehr, daß sich die Menschen auf jeden Fremden stürzen und ihm ihre Probleme schildern würden. Genauso geschah es, als einige ausländische Berichterstatter vor ein paar Tagen quasi halboffiziell ins Kaschmir-Tal einreisen durften. Delhi hatte sich nämlich mit seiner Maulkorb-Politik selbst geschadet. Die Pakistani hatten für "ihren" Teil Kaschmirs, das etwa ein Drittel des Territoriums ausmacht, eine erfolgreiche Publicity-Kampagne der "offenen Tür" für Presse und Beobachter gestartet.

Wo immer sich ein ausländischer Reporter im indischen Teil Kaschmirs sehen läßt, wird er von zahllosen Dorfbewohnern bestürmt, die ihn bitten, "draußen" über ihr klägliche Lage zu berichten. Sie zeigen ihre zum Teil blau und blutig geschlagenen Körper, holen Photos hervor, auf denen die Folgen schrecklicher Folterungen zu sehen sind, berichten von willkürlichen Verhaftungen und verschwundenen Familienangehörigen. Frauen, so heißt es immer wieder, werden von Soldatentrupps vergewaltigt und dadurch nicht selten in den Selbstmord getrieben. Bei den systematischen Hausdurchsuchungen, die seit Wochen andauern, nähmen die Soldaten alles mit, was ihnen wertvoll erscheine, klagen die Leute. Die Ärzte berichten von entsetzlichen Verletzungen, von weggeschossenen Gesichtern und Wunden, die brandig geworden sind, weil die Verletzten wegen der Ausgangssperren nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden konnten. Glieder müssen amputiert werden, die unter anderen Umständen hätten gerettet werden können. Die medizinische Versorgung ist mangelhaft; die Hälfte des Personals hat die Flucht ergriffen. Es fehlt an Medikamenten, vor allem an Antibiotika und Nakosemittel. Seit Januar seien mindestens 1000 Menschen umgekommen, erklären die Ärzte.

"Sie behaupten immer, Kaschmir sei ein Teil Indiens, aber sie führen sich auf wie eine Besatzungssoldateska", sagt ein kaschmirischer Journalist in Srinagar. Er schätzt, daß sich jetzt 99 Prozent der Kaschmiris für die Unabhängigkeit, für einen eigenen Staat einsetzen – Anfang des Jahres hätten höchstens 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung die Militanten unterstützt. Zu dem gleichen Ergebnis kommt der Bericht des indischen Juristen Tarkunde, verfaßt im Auftrag einer indischen Menschenrechtsorganisation. Er spricht von einer "totalen Entfremdung" der Kaschmiris gegenüber Indien und schätzt, daß Indien bei einem Referendum nicht mehr als zwei oder drei Prozent der Stimmen bekommen würde. Die Lage werde sich angesichts der Brutalität der Sicherheitskräfte nicht verbessern, warnt er und prangen die urverhüllten Menschenrechtsverletzungen an.