Von Henning Engeln

Es ist Euch verboten zu essen: Von selbst Gestorbenes (Verendetes), Blut und Schweinefleisch, und das, bei dessen Schlachtung eines anderen denn Allahs Name angerufen worden war und Ersticktes und Erschlagenes oder durch Fall zu Tode Gestürztes oder das durch die Hörner eines anderen Tieres Getötete (und Angefressene) und das von wilden Tieren Zerrissene, außer Ihr selbst habt es erst völlig getötet.. .", so heißt es in der fünften Sure des Korans. Aus solchen Stellen ihres heiligen Buches leiten strenggläubige Moslems ab, daß sie nur Fleisch von geschächteten Tieren essen dürfen. Schächten bedeutet, den lebenden Rindern, Kälbern oder Schafen mit einem scharfen Messer die Kehle durchzuschneiden und sie ausbluten zu lassen – eine Schlachtmethode, die auch pragmatische Tierschützer wie Ursula Händel in Harnisch bringt. Die große Dame des Tierschutzes fordert, daß alle Tiere vor dem Schächten betäubt werden.

Mit der großen Zahl mohammedanischer Gastarbeiter wurde die Problematik des Schächtens in der Bundesrepublik akut: Allein in Berlin, so schätzt Damian Nowak von der dortigen Gesundheitsbehörde, werden jährlich mehrere tausend Rinder und einige zehntausend Schafe für die rund 120 000 türkischen Mitbürger geschächtet. Dort hat man sich inzwischen auf die "humanere" Variante der Methode geeinigt, die eine Betäubung der Tiere vor dem Abstechen vorsieht.

Die von Nowak und seinem Kollegen Robert Rath entwickelte "Elektrokurzzeitbetäubung" setzt Rinder oder Schafe durch einen zwei Sekunden langen 240-Volt-Stromschlag in der Schläfengegend für etwa eine halbe Minute völlig außer Gefecht. Wird ihnen nicht die Kehle durchgeschnitten, beginnen sie sich langsam wieder zu regen und sind nach fünf bis fünfzehn Minuten wieder wohlauf. Da das Vieh diese Betäubung unbeschadet übersteht und damit beim Ansetzen des Messers mit Sicherheit unbeschädigt ist, wie es die islamische Religion fordert, akzeptierten islamische Vertreter in Berlin die Methode schließlich. Bis die Moslems sich überzeugt zeigten, waren allerdings wochenlange Diskussionen und Vorführungen der Methode nötig, betont Nowak.

Im Prinzip ist das betäubungslose Schlachten bei uns verboten, denn – so heißt es in Paragraph 4 des Tierschutzgesetzes: "Ein Wirbeltier darf nur unter Betäubung oder ... unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden." (Der üblicherweise angewandte Bolzenschuß raubt den Tieren schlagartig das Bewußtsein.) Doch kein Prinzip ohne Ausnahmen: Denn da ist das Grundgesetz, das die ungestörte Religionsausübung über den Tierschutz stellt. Dem trägt Paragraph 4a des Tierschutzgesetzes Rechnung. Er besagt, daß die zuständigen Behörden Ausnahmegenehmigungen für das Schlachten ohne Betäubung erteilen können, sofern zwingende Vorschriften den Angehörigen einer Religion das Schächten vorschreiben.

Diskussionspunkt ist dabei, inwieweit die Vorschriften der Religion das betäubungslose Schächten wirklich zwingend verlangen. So stellt sich die Hamburger Gesundheitsbehörde beispielsweise auf den Standpunkt, der Islam schreibe das betäubungslose Schächten nicht zwingend vor – und verweigert Ausnahmegenehmigungen. Was in Berlin mit Überzeugungsarbeit möglich war, muß in Hamburg per Gericht entschieden werden. Hier klagte eine islamische Gemeinschaft, die die Kantine einer Hamburger Moschee betreibt (wöchentlich fünf Tonnen Fleisch) – und verlor vor dem Verwaltungsgericht Hamburg. In der Begründung zu dem Urteil vom 14. September vergangenen Jahres heißt es, die entscheidende Aussage der Koranstellen verbiete den Angehörigen der islamischen Religion lediglich, Fleisch von Tieren zu verzehren, die vor der Schlachtung getötet wurden oder bereits tot waren, nicht jedoch von betäubten Tieren, die während der Schlachtung noch – wenn auch schwache – Zeichen von Leben zeigen. Auch hochrangige islamische Religionsvertreter und die Liga der Muslimischen Welt sehen keine Notwendigkeit für das betäubungslose Schlachten und halten die Elektroschock-Methode für akzeptabel Doch die Kläger in Hamburg gaben sich mit der Ablehnung des Gerichts nicht zufrieden und haben jetzt Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Dabei hatten die Hamburger Behörden durchaus Entgegenkommen gezeigt. "Wir haben rituelle Schlachtungen nach elektrischer Betäubung außerhalb der normalen Schlachtzeit angeboten, und auch Familienangehörige hätten dabeisein dürfen", sagt Susanne Irmer, Veterinärdirektorin in der Hamburger Gesundheitsbehörde. Lediglich auf der Betäubung bestanden die Beamten – doch die Moslems blieben fern.