Brasilien

Von Carl D. Goerdeler

Évencer ou vencer – es gibt keine Alternative "Entweder siegen oder siegen’" So der junge, im Marz neugewählte brasilianische Präsident Fernando Collor de Mello im grüngelben Trikot beim Besuch der Nationalmannschaft in deren Trainingslager So etwas gefällt dem Publikum, das die Tage bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft zahlt Die Siegesbeschworung gilt nicht nur dem Pokal von Rom, sondern auch dem Kampf gegen die Inflation, den bislang noch jede Regierungsmannschaft aus Brasilia verloren hat Nach seinem virtuosen Beginn ist offen, ob Collor die Partie diesmal gewinnt

Die Kraftspruche des Präsidenten sind so zahlreich wie seine Auftritte im exakt inszenierten Medientheater, das die Brasilianer wie eine telenovela – eine TV-Serie – verfolgen Seine Kraftprobe hatte Collor am 16 Marz 1990 unmittelbar nach seiner Wahl mit einem Paukenschlag begonnen Selbst die kühlen Sprecher der Fernsehnachrichten stotterten bei den Meldungen über das "Beben in der Wirtschaft", das Brasiliens Präsident ausgelost hatte Mit einem Federstrich verbot Collor den Burgern, über ihre Bankguthaben frei zu verfugen Er ordnete die vorläufige Stillegung von zwei Dritteln aller Finanzaktiva bei der Zentralbank an Außerdem versprach der Präsident, den Staat rigoros zu entrumpeln und die Markte zu offnen (siehe ZEIT vom 23 Marz 1990)

Die radikale Reduzierung von umgerechnet 150 auf 35 Milliarden Dollar der aufgebiahten Geldmenge, die immer schneller in Brasiliens Wirtschaft zirkulierte, war eine Notstandsmaßnahme, es ging darum, die Nation vor dem drohenden Kollaps zu retten Die Teuerung hatte zuletzt täglich fünf Prozent betragen Collors Vorgänger, Jose Sarney, der erste zivile Präsident nach vielen Generalen im Palacio Planalto, hatte Brasilien, statt zu neuen Ufern, in einen Sumpf von Korruption, Mißwirtschaft und Spekulation gefuhrt Nur ein Bruch mit dieser Vergangenheit, so die Botschaft Collors im Wahlkampf, könne der Ausweg aus der Misere sein Er bekam für diesen Versuch das Mandat von 35 Millionen Brasilianern und handelte unverzüglich Die "radikalste Wirtschaftsreform Lateinamerikas", so die Weltbank in Washington, überraschte die konservativen Politiker und verbluffte die linke Opposition gleichermaßen Ubereinstimmend nannten die angesehensten Ökonomen den Collor Plan "mutig, kohärent und konsequent"

Brasil tem memoria da galinha – "Brasilien hat ein Gedächtnis wie ein Huhn" – jetzt, drei Monate spater, maulen die Unternehmer über hohe Zinsen, die Banker über Zwangsrucklagen, die Steuerzahler über Formulare, die Beamten über Arbeit und die Arbeiter über Arbeitslosigkeit Dabei ist der Präsident immer noch populär und seine Wirtschaftsreform keineswegs gescheitert, wie es eine Reihe von Untergangspropheten nach den ersten Turbulenzen vorausgesagt hatten Nach den jüngsten Umfrageergebnissen wurde er mit 65 Prozent in seinem Amt bestätigt Und einen Sieg hat er bereits errungen Die Inflation lag im April bei nur noch 3,3 Prozent – im Monat

Die Reduzierung und Kontrolle der Geldmenge, die Beseitigung des Staatsdefizits und die Modernisierung der Wirtschaft – das sind die drei Ziele des "Piano Collor" Spekulationsgelder in Milliardenhöhe flossen noch in letzter Minute vor dem Regierungswechsel von lukrativen Staatsanleihen auf simple Sparkonten, um sie vor dem Fiskus zu verstecken Umsonst, Collor schreckte nicht vor einem Zugriff auf die Sparkonten der Burger zuruck Anfangs konnte jeder Brasilianer nur über umgerechnet tausend Mark frei verfugen und die Unternehmen mußten Kredite aufnehmen, um die Gehälter ihrer Angestellten zu bezahlen Nach und nach gab die Zentralbank aber die angestauten Finanzaktiva wieder frei, sie öffnete den Hahn, um soziale Harten zu vermeiden und die eingetrocknete Wirtschaft zu bewässern – mit solchen einprägsamen Vergleichen versuchte die Regierung, die komplizierten Maßnahmen ihrer monetären Politik zu erklaren