Von Peter Christ

So richtig fröhlich wirkten die Vorsitzenden der beiden größten deutschen Einzelgewerkschaften nicht, dabei hatten sie in der vergangenen Woche – erst in Hamburg, dann in Ost-Berlin – wirklich etwas Außergewöhnliches mitzuteilen. Franz Steinkühler, Vorsitzender der IG Metall (West), und sein Kollege Hartwig Bugiel von der IG Metall (Ost) gaben die Vereinigung ihrer beiden Gewerkschaften bekannt, ein historisches Ereignis.

Die IG Metall (West), mit 2,7 Millionen Mitgliedern ohnehin schon die größte Einzelgewerkschaft der Welt, gewinnt durch die Übernahme der Kollegen aus der DDR am 1. Januar 1991 mit einem Schlag 1,6 Millionen neue Beitragszahler hinzu, wenn alle den Wechsel mitmachen. Mit 4,3 Millionen Gewerkschaftern im Rücken verfügt die IG Metall zumindest auf den ersten Blick über eine gewaltige Streit- und Streikmacht für künftige wirtschaftliche, soziale und auch politische Auseinandersetzungen. Trotzdem: Steinkühlers und Bugiels Mienen verrieten keine Freude, nicht mal Genugtuung oder Zufriedenheit.

Steinkühler sagte sogar: "Durch den Zusammenschluß der beiden Gewerkschaften sehe ich zunächst mal eine Schwächung. Als gemeinsame IG Metall werden wir mit allen Erwartungen und Hoffnungen der Menschen hier beladen werden, und wir werden nicht alle Hoffnungen erfüllen können. Es wird auch Enttäuschungen geben, und wir werden auch manche unangenehmen Sachen mittragen müssen."

Die ersten "unangenehmen Sachen" sind schon sichtbar. In Karl-Marx-Stadt und Zwickau haben Arbeiter des PKW-Kombinats IFA mit Warnstreiks die Angst um ihre Arbeitsplätze artikuliert. Steinkühler und Bugiel waren dort, haben mit Betriebsräten und Geschäftsleitung gesprochen. Das Kombinat produziert den völlig veralteten Trabant, den kaum noch jemand kaufen will.

In Zwickau und Karl-Marx-Stadt geht es bei IFA und den Zulieferfirmen um insgesamt 100 000 Jobs, die auf Gedeih und Verderb mit der Trabi-Produktion verbunden sind. Wie soll die IG Metall sich verhalten? Soll sie um die hoffnungslos unrentablen Arbeitsplätze ihrer Mitglieder kämpfen, oder soll sie sich aus ökonomischer Einsicht in das betriebswirtschaftlich Unvermeidliche fügen?

Für die Metaller aus dem Westen ist dieser Zielkonflikt nicht neu. Bei der heftigen Auseinandeisetzung um die Schließung des Stahlwerks in Rheinhausen, das Ende dieses Jahres wegen mangelnder Rentabilität dichtmachen soll, wurde die Gewerkschaftsführung von den betroffenen Arbetern und den lokalen Funktionären heftig attackiert. Die Basis fühlte sich vom Gewerkschaftsvorstand im Stich gelassen, weil er letztlich den Argumenten des Managements von Krupp folgte und die Schließung des Werkes hinnahm. In der DDR drohen viele Konflikte nach Rheinhausener Muster, und die Gewerkschaften, nicht nur die IG Metall, werden das sozial Wünschbare und das ökonomisch Machbare oft nicht in Übereinstimmung bringen können.