In Köln entsteht der modernste Windkanal der Welt

Von Anatol Johansen

Im Windmachen waren die Deutschen schon zu Kaisers Zeiten nicht zu schlagen. Der Göttinger Professor Ludwig Prandtl entwickelte Anfang des Jahrhunderts die moderne Strömungslehre, als deren Vater er heute gilt. Bereits 1908 errichtete er seinen ersten Windkanal. Heute erinnern an den Gelehrten neben Gedächtnis-Vorlesungen auch Geräte, die er ersonnen hat, zum Beispiel das Prandtl-Rohr, eine Sonde zur Messung des Staudrucks in einer Strömung. Die Physiker kennen auch das Zeichen Pr, eine Kennzahl für die Wärmeübertragung in Strömungen.

Die deutsche Tradition des großen Blasens setzte sich dann bis in den Zweiten Weltkrieg hinein fort: In Peenemünde entstand der seinerzeit leistungsfähigste Windtunnel. Er diente speziell der aerodynamischen Optimierung der ersten Großrakete der Welt, der V2, die dann wenig später auf London und andere europäische Ziele abgefeuert wurde. Noch kurz zuvor hatte Lord Cherwell, der wissenschaftliche Berater der englischen Regierung, erklärt, ein solches Ding könne aus rein physikalischen Gründen nicht fliegen und sei ein Propaganda-Coup der Deutschen.

Nach dem militärischen Mißbrauch der Aerodynamik war es kaum verwunderlich, daß 1945 die Siegermächte in Deutschland alles, was an Windkanäle erinnerte und den Krieg überstanden hatte, demontierten und teilweise bei sich selbst wieder aufbauten. So trat in den hiesigen Labors zunächst einmal eine völlige Windstille ein, die mehr als ein Jahrzehnt andauerte. Als dann schließlich wieder in recht bescheidenem Maße "angeblasen" wurde, waren andere Industrienationen mit ihren Kapazitäten zur Windherstellung für geschlossene Meßstrecken weit voraus.

Die erste, wirklich große Anlage mit deutscher Beteiligung wurde Ende der siebziger Jahre der deutsch-niederländische Windkanal (DNW), der 1980 im Noord-Oost-Polder am Rande des Ijsselmeeres in Betrieb ging. Dort kann ein gewaltiges Gebläse (Dauerleistung: dreizehn Megawatt) Luft mit einer Geschwindigkeit von 450 Kilometer pro Stunde durch eine zwanzig Meter lange Meßkammer jagen, deren Querschnitt acht mal sechs Meter beträgt. Damit schuf sich Europa eine Forschungsstätte, die mindestens so gut war wie vergleichbare Einrichtungen der USA. Kein Wunder, daß alsbald einige Modelle des europäischen Airbus im DNW aerodynamisch erfolgreich optimiert wurden.

Doch der DNW, in dem der Wind nur mit etwa 450 Kilometer pro Stunde bläst, konnte neben Start und Landungen nicht alle Flugzustände simulieren, denn moderne Düsenverkehrsmaschinen erreichen Geschwindigkeiten bis zu 1000 Kilometer pro Stunde. Alsbald gingen also die Vorbereitungen und das Gerangel um einen sogenannten Transschall-Windkanal los, den mehrere europäische Nationen auf ihrem Territorium errichtet sehen wollten, ehe die Bundesrepublik den Zuschlag erhielt. Ein solcher Windtunnel, dessen Grundstein kürzlich bei der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln-Porz gelegt wurde, soll Windgeschwindigkeiten bis über die Schallgrenze hinaus (Mach 1,3) ermöglichen und damit den gesamten Bereich des Fluges moderner Passagierjets abdecken – unerwartete Sturzphasen inklusive.