Das neue am Europäischen Transschall Windkanal (ETW) wird unter anderem sein, daß die Flugzeugmodelle nicht in einem Luftstrom vermessen werden wie bei herkömmlichen Anlagen. Statt dessen soll in der 2,4 mal 2 Meter großen Meßkammer ein eisiger Stickstoff-Sturm herrschen, der selbst die meteorologischen Verhältnisse der Antarktis als erquickende Sommerfrische erscheinen läßt: Der tiefgekühlte Stickstoff, der mit Temperaturen um 200 Grad minus in den Windtunnel gepumpt wird, steht innerhalb der Teststrecke unter 4,5 bar Überdruck und rast mit Geschwindigkeiten durch den Meßsektor, die bis in den Überschallbereich gehen.

Messen bei minus 200 Grad

Dadurch erhält man ein sehr dichtes Strömungsmedium, das über einen weiten Geschwindigkeitsbereich sehr exakte Messungen an Flugmodellen zuläßt. Eine kritische Größe ist dabei die sogenannte Reynolds-Zahl – so benannt nach dem renommierten englischen Strömungsforscher Osborne Reynolds, der sich speziell um die Erforschung der laminaren (glatten) und turbulenten Strömung verdient gemacht hat. Für die Praxis bedeutet die Reynolds-Zahl grob vereinfacht: Je höher ihr erreichbarer Wert ist, desto zuverlässiger sind die Messungen. (Genauer genommen, gibt sie das Verhältnis von Trägheits- zu Reibungskräften an und ist ein Maß für das Umschlagen einer laminaren in eine turbulente Strömung.)

So werden bei einem realen Flug etwa Reynolds-Zahlen von fünfzig Millionen erreicht, bei herkömmlichen Windkanal-Versuchen dagegen liegt der Wert bei nur etwa zehn Millionen. Der neue Europäische Transschall Windkanal soll aber künftig auch Reynolds-Zahlen von annähernd fünfzig Millionen erreichen und damit recht genaue Voraussagen des Flugbetriebes einer geplanten Maschine ermöglichen – ein äußerst wichtiges Verkaufsargument für in der Entwicklung stehende Verkehrsmaschinen, die ja heute schon lange vor dem Erstflug von den Fluglinien fest bestellt werden.

Der ETW, so heißt es im Bonner Forschungsministerium, sei "die mit Abstand anspruchsvollste Spitzentestanlage für Flugzeugmodelle". Sie werde "in ihrer Leistungsfähigkeit die entsprechende Anlage der NASA voraussichtlich übertreffen". Allerdings hat sie auch ihren Preis – 660 Millionen Mark, von denen die Bundesrepublik 38 Prozent, Frankreich und Großbritannien je 28 Prozent und die Niederlande 6 Prozent beisteuern. 1994 soll angeblasen werden, doch brauchen auch dann die amerikanischen Aerodynamiker angesichts des eisigen Sturms in der 68 Meter langen Betonröhre in Köln-Porz keine Beklemmungen bekommen: Die Anlage wird – wie im übrigen auch der DNW – allen potentiellen Benutzern offenstehen. Die Nachfrage dürfte allerdings sehr groß sein – man geht davon aus, daß sich der Betrieb der Forschungsanlage künftig selbst tragen wird.

Allerdings möchte ein Kunde möglichst nicht beim ETW Schlange stehen. Manfred Fuchs, Chef der kleinen Bremer Firma OHB-System, will ein neues Meßverfahren für den Transschall-Bereich entwickeln. Er plant, demnächst ein sieben Meter langes, mit Meßsonden bestücktes Raumtransporter-Modell über Südfrankreich von einem Stratosphären-Ballon in 40 bis 45 Kilometer Höhe tragen zu lassen und dort auszuklinken. Im freien Fall, der später (hoffentlich) mit einer weichen Landung endet, soll das Modell die Schallmauer durchbrechen, Mach 1,4 erreichen und dabei Meßdaten zur Erde funken. Ob und wieweit dieses Prinzip Windkanal-Messungen teilweise ersetzen oder ergänzen kann, muß sich noch zeigen.