Die Frage ist schon vieltausendmal gestellt worden: Warum, um Himmels willen, brauchte Moses einst geschlagene vierzig Jahre, um das Volk Israel durch die Sinaiwüste ins Gelobte Land zu fuhren? Die Erklärung, dafür lassen sich jetzt wissenschaftlich untermauerte Indizien anführen, ist möglicherweise ganz einfach: Moses und seine Landsleute hatten es gar nicht so eilig – sie waren begeisterte Dauercamper.

Damit wären sie hier und heute, ein paar tausend Jahre später in deutschen Landen, in guter Gesellschaft. "Lediglich 40 Prozent der Bevölkerung haben noch nie gecampt", erfahren wir aus einer soeben veröffentlichten Studie über Campingurlaub in Deutschland. Was aber keineswegs bedeutet, daß mehr als die Hälfte von uns mehr oder minder regelmäßig auf der Walz wäre, mit Familienzelt, Wohnwagen oder Motorcaravan auf der Suche nach immer neuen Seeufern und Waldlichtungen. Weit gefehlt.

Wer beim Gedanken an Camping den Geschmack von Freiheit und Abenteuer auf der Zunge verspürt, wer damit das Wetterleuchten an immer neuen, fernen Horizonten verbindet, vergißt den – eigentlich aus der Physik stammenden – Begriff des Trägheitsmoments. Dieses Moment kommt bei der Mehrzahl aller Camper offenbar immer genau dann, wenn Mutter oder Kind der angestammte Stellplatz in der siebten Reihe links, schräg hinter dem Toilettenhäuschen, zu langweilig wird und sie auf Wechsel drängen. Dann reagiert Vater wie (vermutlich) einst Moses: "Laßt uns noch ein paar Jährchen warten, hier ist’s doch ganz schön und gemütlich – warum der Streß?"

Die Wirtschafts- und Fremdenverkehrsforscher fanden nämlich Erstaunliches heraus. Zwar sehen sich viele Camper selbst am liebsten wie den einsamen, romantischen Globetrotter, als Abenteurer auf Wüstensafari oder im arktischen Survivalcamp. In Wahrheit jedoch beschränkt sich in aller Regel das Abenteuer wohl eher auf das Zimmern eines Jägerzauns fürs Blumenbeet neben dem Vorzelt, und das Überlebenstraining besteht im Heranschleppen eines Bierkastens aus dem nächsten Supermarkt.

Moses’ Nachfahren anno 1990 sind bodenständig bis ins Mark: Von allen 770 000 Stellplätzen auf den rund 5000 bundesdeutschen Campingarealen sind 450 000, mithin weit über die Hälfte, von Dauercampern belegt, zum Teil in der zweiten und dritten Generation. Im Schnitt stehen die Caravans seit stolzen 8,6, in Worten acht Komma sechs, Jahren unverrückt und erdverbunden auf ihren "angestammten" Plätzen im Wiesengrund, draußen vor der Großstadt – und manche bringen es schon auf wahrhaft biblische Verweildauer.

"Der typische Campingfreund trägt Shorts, hat einen Bierbauch und genießt bei selbstgegrillten Koteletts mit Ehefrau und Zeltnachbarn den allabendlichen Sonnenuntergang. Camping gilt als spießig, langweilig und unbequem", nahm der Deutsche Fremdenverkehrsverband, Auftraggeber besagter Grundlagenuntersuchung, provokant die gängigen Vorurteile der Nicht-Camper gegenüber dem "fahrenden Volk" aufs Korn. Alles blanker Unsinn! Der typische Camper von heute ist Angestellter oder Beamter und auch sonst ein Mensch wie du und ich – sagt die Wissenschaft.

Bliebe, als Nachschlag zur Studie, noch eine dankbare Aufgabe für Archäologen: Sie sollten die Gegend rund um den Mosesberg noch einmal genau in Augenschein nehmen. Eventuell – wer weiß – findet sich ja noch ein Vorgängermodell eines modernen Campingkochers.

Wolfgang Weber