Die Weichsel ist eine der schlimmsten Kloaken Europas

Von Michael Backfisch

Jaclaw Marcinek, Wasserschutz-Beauftragter beim südpolnischen Stahl-Giganten Nowa Huta, hat entweder einen rabenschwarzen Humor, oder er ist ein ausgemachter Zyniker. "Schauen Sie", sagt der Mann im Nadelstreifen und beugt sich über den Rand der mechanischen Kläranlage, "manchmal schwimmen da sogar Fische herum." Im Moment ist nur grautrübes Wasser zu sehen, an dessen Oberfläche ein Ölfilm glänzt.

Etwa einen Kilometer entfernt quillt dichter Rauch aus Schornsteinen: gelb wie Schwefel-, rot wie Kalziumdioxid. Das Kombinat Nowa Huta, der größte Stahlerzeuger Polens, verpestet meilenweit Luft und Land.

Das Werk bläst nach eigenen Angaben 21 000 Tonnen Schwefeldioxid pro Jahr in den Himmel. Häufig kommt die Ladung in Form von winzigen Partikeln zurück, die sich auf Apfelbäumen, Erdbeeren und Salatköpfen festsetzen. Oder die Schadstoffe waschen als "saurer Regen" die oft feine Bodenschicht weg und spülen natürliche Schwermetalle wie Zink, Blei oder Kupfer in die Weichsel, die vier Kilometer von Nowa Huta entfernt vorbeifließt.

Der Wasserschutz-Beauftragte Marcinek hat trotzdem ein reines Gewissen: "Das Klärwasser, das wir in die Weichsel einleiten, ist sauberer als das Wasser, das wir aus dem Fluß nehmen." Zum Beweis dient ihm eine Tabelle. Danach beträgt die Phenol-Konzentration im Abwasser von Nowa Huta 0,035 Milligramm pro Liter, im sieben Kilometer entfernten Krakau hingegen 0,04 Milligramm. "Der zulässige Höchstwert liegt bei 0,06 Milligramm", fügt Marcinek hinzu.

Doch das ist nur verharmlosende Zahlenkosmetik. Denn pro Jahr gibt Nowa Huta 1060 Kilogramm des hochgiftigen Phenol an die Weichsel ab. Die Menge des gesamten Abwassers beträgt nach Firmenangaben 67 Millionen Kubikmeter, darunter sind beispielsweise 35 300 Kilo Eisen und 215 000 Kilo Öl.