Der Spruch vom "Glaschen in Ehren", das "niemand verwehren" solle, geht so manchem unbedacht über die Lippen. Denn leider bleibt es nicht immer beim Gläschen, ihm folgt oft der Inhalt ganzer Flaschen. Täglich zur Flasche greifen in unserer Industriegesellschaft etwa zehn Prozent aller Männer und vier bis fünf Prozent der Frauen. Die Trunksucht ist eine eigenständige Krankheit und relativ selten Symptom eines anderen seelischen Gebrechens. Rund siebzig Prozent der chronischen Trinker leiden an "primärem Alkoholismus". Dieser beruht nicht immer ausschließlich auf persönlicher Schuld, auf Leichtsinn und Verantwortungslosigkeit.

Der Alkoholforscher Marc A. Schuckit geht davon aus, daß an der Entstehung der chronischen Trunksucht viele Faktoren beteiligt sind. Er und seine Kollegen am Alkoholforschungszentrum der Veterans Administration in San Diego haben bei ehemaligen Kriegsteilnehmern viel leidige Erfahrung sammeln können. So scheint die Anfälligkeit für Alkoholmißbrauch auch erblich mitbedingt zu sein. Schon seit einiger Zeit weiß man, daß etwa eineiige (genetisch identische) Zwillinge doppelt so häufig eine parallele Alkoholismusneigung zeigen wie zweieiige Zwillinge gleichen Geschlechts. Bei Kindern von Alkoholikern, die unmittelbar nach der Geburt adoptiert werden, ist das Suchtrisiko viermal größer als bei anderen Adoptivkindern.

Neben diesen (statistischen) Indizien für einen erblich bedingten Alkoholismus gibt es nun auch direkte genetische Hinweise. Forscher von der University of Texas in San Antonio und der University of California in Los Angeles haben kürzlich im Journal of the American Medical Association (Bd. 263/90, S. 2055) mitgeteilt, daß eine besondere Variante eines Gens, das auf dem elften Chromosom gelegen ist, verblüffend oft mit Alkoholismus einhergeht. Bei diesem Gen handelt es sich um den "Bauplan" für einen speziellen Rezeptor, also eine "Empfangsstation" für Botenstoffe des Körpers. Der untersuchte Rezeptor ist spezialisiert auf den Empfang des Nervenbotenstoffes Dopamin. Nervenzellen in der Zwischenhirnregion (im Ammonshorn) verfügen über Dopamin-Rezeptoren, und diese werden schon seit einiger Zeit mit Suchtverhalten in Verbindung gebracht. Denn das Dopamin spielt vermutlich eine wichtige Rolle in jenen nervlichen Prozessen, die ein bestimmtes Verhalten "belohnen" beziehungsweise verstärken, etwa indem Glücksgefühle aufkommen. Einer der Forscher bezeichnete in einem Interview das untersuchte Rezeptor-Gen als ein "spezielles Gen für die Suche nach Glückseligkeit". Allerdings ist es ein fragwürdiger Wegweiser zu äußerst fraglichem "Glück". So werden Dopamin und der betreffende Rezeptor auch mit der Sucht nach Kokain in Verbindung gebracht.

Wenn man den neuen Ergebnissen glauben darf, dann ist eine besondere Variante des Dopamin-Rezeptors, von dem es verschiedene Spielarten gibt, mit dem Alkoholismus verknüpft. Diese Variante mit der Bezeichnung A1 war bei 77 Prozent der untersuchten Alkoholiker nachweisbar, hingegen fehlte sie bei Dreiviertel der Nichtalkoholiker. Dies ist eine beachtlich hohe Korrelation, denn es ist davon auszugehen, daß eine solch komplexe Krankheit wie der Alkoholismus durch mehrere Gene mitbeeinflußt wird.

Allerdings wird die von den Forschern bereits diskutierte Möglichkeit, ihre Untersuchungsergebnisse in ein allgemeinenes "Alkoholscreening" auszuweiten, auf wenig Begeisterung stoßen. Denn bislang ist der Test für solche Zwecke nicht zuverlässig genug: Die ganze Untersuchung bedarf noch einer unabhängigen Bestätigung und muß an einer größeren Fallzahl erhärtet werden.

Das Ziel, alle für Alkoholabhängigkeit verantwortlichen Gene in unseren Chromosomen zu lokalisieren, dürfte selbst auf lange Sicht kaum erreichbar sein. Aus der Zwillingsforschung weiß man nämlich auch, daß nicht alle Nachkommen von Alkoholikern Trinker werden. Diese Sucht ist in ihren Entstehungsmechanismen so komplex, verbunden mit vielen sozialen und biologischen Faktoren, daß das Herauspicken einzelner genetischer Faktoren weder für die Vorbeugung noch für eine mögliche Behandlung besonders hilfreich sein dürfte. Die Annahme einer überwiegend genetischen Ursache könnte im Gegenteil den Griff zur Flasche schicksalhaft erscheinen lassen, als unabänderliche Vorherbestimmung. Ob das Wissen um eine erhöhte Gefährdung die Eigenverantwortung tatsächlich stärkt – das müßte sich erst zeigen. Hans Harald Brautigam