Von Jürgen Krönig

Paul, 22, Buchhalter, hat sich auf die Reise nach Italien so intensiv vorbereitet wie noch auf keine sonst. Paul gehört zu jenen jungen Leuten in England, die als thugs (Schläger), yobs (Rüpel) oder hooligans verschrien sind. Er fährt wegen der Fußballweltmeisterschaft nach Italien, doch die Gruppenspiele der englischen Elf auf Sardinien liegen Paul nicht annähernd so am Herzen wie die Kämpfe am Rande der Stadien. In Italien, so sagt er, wird es brutal zur Sache gehen.

Dem eher schmächtigen Burschen, der zur Zeit wieder bei seiner Mutter wohnt, ist seine jahrelange, ereignisreiche Karriere als hooligan nicht anzusehen. Mit einem Anflug von Stolz verweist er auf zwei Narben, die er sich beim Fußball geholt hat. Ein schottischer Fan verpaßte ihm einen Messerstich in die Seite, und bei der Europameisterschaft in der Bundesrepublik landete ein Polizeiknüppel auf seinem Schädel.

Die Chelsea-Headhunters, zu denen Paul gehört, treiben ihr Unwesen rund um Stamford Bridge, das Stadion des Erstligaklubs FC Chelsea an der Fulham Road. Man wird sie wie die Derby Lunatic Fringe, The Bushwackers, The Cockneyreds und all die anderen Gruppen, deren Namen Programm sind, wiederfinden unter den zehn- bis fünfzehntausend britischen Fußballreisenden, die sich demnächst nach Italien aufmachen.

Wenn sich die jungen Männer, im Alter von achtzehn bis dreißig, in solchen Gangs zusammenrotten, verschwimmen individuelle Charakterzüge: Sie alle sind großmäulig und aggressiv, stehen fast permanent "unter Strom". Vor den Auseinandersetzungen mit Polizei und gegnerischen Fans nehmen nicht wenige Speed oder Kokain. Die Hackordnung in den Horden orientiert sich an körperlicher Stärke und der Fähigkeit zu besonders brutaler Aktion. Sie verstehen sich als Kämpfer für das "weiße England", sie hassen alle Farbigen, besonders die Einwanderer, die nach dem Krieg ins Land gekommen sind. Auf ihren T-Shirts tragen sie ihr martialisches Motto für die kommenden Wochen der WM: "England Invasion ofltaly 1990".

"Wir haben es", erklärt ein Beamter von Scotland Yard, Experte in Sachen Hooliganismus, "nicht nur mit wild gewordenen jungen Männern zu tun, die am Wochenende ihren Aggressionen freien Lauf lassen wollen. Das Beunruhigende ist, daß hier eine Reihe von Leuten von beträchtlicher Intelligenz und krimineller Energie am Werke ist, die ganz gezielt Aufruhr anzetteln." So dürfen sich die "Generale" der militanten Anhänger des Klubs Leeds United damit brüsten, von heute auf morgen 300 bis 1000 Mann auf die Beine bringen zu können. Vor ein paar Wochen erst lieferten sie den Beweis: Drei Tage lang terrorisierten einige tausend Mann das elegante Seebad Bournemouth.

Viele der Gangs stehen in Verbindung mit rechtsextremistischen Parteien und Gruppierungen wie British Movement und National Front, die am Rande der Fußballstadien den Nachwuchs rekrutieren, ihre Schriften vertreiben und Flugblätter mit rassistischen Parolen verteilen. In Briefen der "Chelsea Family", die vor einiger Zeit in die Hände der Polizei fielen und an Anhänger in Deutschland, Italien und den Beneluxländern gerichtet waren, stand zu lesen: "Laßt uns gemeinsam kämpfen, gegen die Juden in Prag, die Türken in München, die Nigger in Amsterdam und die Katholiken in Rom." Seit Jahren werden Kontakte mit rechtsextremistischen Gruppen in Italien, Holland und Belgien gepflegt. Es gibt eine Art "neofaschistische Internationale" der Fußballgewalt.