Von Hansjakob Stehle

Berlin, im Mai

Nichts gegen Supermärkte, auch nicht kirchlich-religiöse – schon gar nicht, wenn sie Bedürftigen, die es sich endlich leisten dürfen, das Glücksgefühl von Fülle und Erfüllung vermitteln. "Wie im Himmel, so auf Erden": Wer dachte bei diesem Motto noch daran, daß es in der Vaterunser-Bitte vom Willen Gottes, nicht von menschlichen Wünschen abhängig ist?

Da kamen sie, 35 000 Gläubige aus der DDR, und vereinten sich, noch immer als "Gäste" betrachtet, mit 90 000 westlichen Teilnehmern zum 90. Deutschen Katholikentag in Berlin. Sie tauchten ein und unter in den buchstäblich tausend "Sonderangeboten", die hier mit einem Aufwand von sechzehn Millionen Mark vier Tage lang auslagen: Besinnliches wie Fröhliches, Braves wie Kritisches, verpackt in Messen, Debatten, Predigten, Vorträgen und Vorstellungen; von Gottsuche und Kirchenkrise, von Umwelt und Moral, vom Osten, Westen und Süden, von Judentum, Islam und Ökumene, von Frauen und Frieden, Mystik und Marktwirtschaft war die Rede, zwischen Rock-Cafe und Nachtgebet, Orgel- und Gospelklängen bewegten sich in Messehallen und auf Wiesen die Massen der Frommen – begeistert, betäubt und manchmal auch bestürzt.

Bis dann zum guten Ende sogar der evangelische Bundespräsident zum katholischen Song der "Liebe, die alles umfängt" mitschunkelte und der bischöfliche Ruf "Lasset uns beten!" sich nur mühsam noch Gehör verschaffen konnte.

Denn da war ja "endlich wieder etwas zu tun... Endlich haben wir auch in der Kirche wieder etwas Ernsteres, als uns ständig selbst zu bespiegeln und wichtig zu nehmen", rief Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die sich in der Halle der Bistümer noch immer fein säuberlich getrennt von jener "Berliner Bischofskonferenz" (der DDR) vorstellte, die freilich auch nicht so einfach abgeschafft werden will. Was den Politikern zwischen Rhein und Oder Kopfzerbrechen bereitet, die friedliche deutsche Revolution, jagt auch katholischen Kirchenmännern Schauer – und nicht nur heilige – über den Rücken.

Unversehens (weil im buntgemischten Programm nicht geplant), doch unvermeidlich rückte das Politische ins Zentrum, wurde "Deutschland" zum Hauptthema dieses Katholikentages und die DDR zu seiner eigentlichen Herausforderung. Und dies, obwohl – oder gerade weil – von den Katholiken in der DDR und ihrem Klerus bei der großen Wende kaum etwas zu hören gewesen war, nichts politisch Protestantisches, nichts, was auch nur einen ihrer Pfarrer hätte bewegen können, der neuen DDR-Regierung als Minister zu dienen. Besteht da also Nachholbedarf an nationalkirchlichem Pathos, Rechtfertigungsriten oder gar an einer deutsch-römischen Befreiungstheologie?

"Laßt euch nicht vereinnahmen von rein gesellschaftlichen und politischen Interessen!" rief auch jetzt noch der Papst in seiner Botschaft aus Rom dem Berliner Katholikentag zu und meinte, es sei keine politische Einmischung der Kirche, wenn sie – was wichtiger sei, als Strukturen zu korrigieren – zu verhindern suche, "daß der Mensch sich nach der Überwindung der marxistischen Entfremdung im Konsumismus und Materialismus verliert". War nicht eben dies schon immer die Position der kleinen, jetzt nur noch eine Million, davon ein Fünftel praktizierende Gläubige zählenden katholischen Diaspora-Kirche der DDR? Dennoch, ja, um so mehr kamen jetzt in der atemlosen Berliner Solidaritäts-Umarmung ihre auch konfessionellen Komplexe zum Vorschein. Ist sie wirklich nur "Trittbrettfahrer eines Erfolges, den Protestanten herbeiführten"?

Georg Sterzinsky, 1936 im ostpreußischen Ermland geboren, in Thüringen aufgewachsen, jetzt Bischof aller Berliner, verlor fast seine geistliche Fassung, als ihm die Frage so hämisch gestellt wurde. "Man kann es bald nicht mehr hören!" empörte er sich. "Immer hat die katholische Kirche nein gesagt zum Sozialismus." Und dann meinte er doch bekennen zu müssen, warum er und seine Amtsbrüder die Kirchentüren nicht der politischen Opposition geöffnet hatten: "Wir haben das als erfolglos und riskant betrachtet. Und das war ein Irrtum. Wir waren zu kleingläubig." Andererseits, so räsoniert der Oberhirte, hätte der gewaltlose Widerstand doch keine Chance gehabt ohne Gorbatschow.

Um diesen wunden Punkt kreiste auch die einzige der Katholikentags-Debatten, die das Programm im letzten Augenblick nach "drüben", in jene Humboldt-Universität verlegte, wo es noch immer ein Marx-Engels-Auditorium gibt. Verändern, nicht verschieden interpretieren müsse man die Welt, so steht da in ehernen Lettern des ideologischen Altvaters Spruch, der nun – anders als er dachte – Neuigkeitswert bekam. Nicht auch bekommen müßte für den DDR-Katholizismus?

Ja, meinte Konrad Weiß, der katholische Abgeordnete von Demokratie Jetzt. Er pries vor den dünn besetzten Hörsaalbänken die Bergpredigt als eine zu spät entdeckte politische Rezeptur. Vor solchen neuen integralistischen Versuchungen warnte hingegen Hans Joachim Meyer, der als Katholik Bildungsminister der DDR wurde, doch kein "katholischer Minister" sein und keine katholische Politik machen will.

Nichts Ungewöhnliches, denn auch sein Glaubensbruder Helmut Kohl ist, wie er dem Katholikentag versicherte, "weit entfernt davon, ein konfessionell-christliches Europa bauen zu wollen" – zumal "in Europa auch Atheisten irgendwie Christen sind", wie ihm der ungarische Regierungschef Antall – als Gast in Berlin – zustimmte.

Professor Meyer jedoch hat auch die Vergangenheitsbewältigung seiner DDR-Kirche im Sinn, wenn er – wie Regierungschef de Maizière – an absoluter Trennung von Kirche und Staat festhalten möchte. Jetzt, da die DDR-Katholiken "unter den Mänteln ihrer Bischöfe hervorkriechen", wie ein respektloser Prälat anmerkte, sieht ein besonneren Mann wie Meyer keinen Grund für ein so schlechtes Gewissen, wie es sich unter der Decke dieses Katholikentages zu verstecken schien.

In einem – freilich nur intern verbreiteten – Referat wies Meyer schon am 18. Februar darauf hin, daß das SED-Regime im Unterschied zu allen anderen kommunistischen (einschließlich des polnischen!) den wenigen Katholiken den "größten Freiraum" gelassen hatte. Zu verdanken gewesen sei dies "außer der Gunst der politischen Geographie und vielleicht auch mancher Einsicht der damals Mächtigen dem von allen Bischöfen getragenen strategischen Konzept: ein Höchstmaß von Distanz zu Staat und Partei mit einem Mindestmaß an Konflikten mit deren politischer und weltanschaulicher Macht zu verbinden und offene Auseinandersetzungen auf wenige, schwerwiegende Fragen wie etwa die Jugendweihe zu begrenzen ... Kirche und Christen waren in dieses Ghetto hineingezwungen worden, aber in dieser Umgrenzung bestand immer die Versuchung, es als eine Nische zu akzeptieren und bessere Zeiten abzuwarten ... So hat für manchen die Vorsicht – als besserer Teil der Tapferkeit – den Rang einer christlichen Tugend erhalten ... Jahrzehntelang hat sich so katholische Nüchternheit gegenüber der Illusion eines Wandels durch Mitmachen bewährt..."

So klar und objektiv, wenn auch peinlich für Ex-Propagandisten des Kalten Krieges wie der Kollaboration, wurde dies nirgendwo auf dem Katholikentag ausgesprochen. Kein Referat, kaum ein Wort erinnerte an die Begründer jener Überlebensstrategie: Otto Spülbeck, bis 1970 Bischof von Meißen, der 1956 beim Katholikentag in Köln (wohin noch Zehntausende aus der DDR reisen durften) das Wort vom "fremden Haus" der DDR geprägt hatte: "Wir sind keine Untergrundbewegung und keine Staatsfeinde." Da aber Menschen besser seien als ihre Grundsätze, könne man mit den marxistischen Bauleuten dieses Hauses, "das uns ein fremdes bleibt", über Instandhaltung, etwa über die Treppenreinigung reden. Und Alfred Bengsch, 1961 drei Tage nach dem Mauerbau Bischof von Berlin geworden, zog damals den Trennungsstrich sprachloser und deshalb auch unpolemischer Verweigerung so radikal, daß er 1962 in einem vertraulichen Memorandum an das zweite Vatikanische Konzil sogar vor einer ausdrücklichen Verurteilung des Kommunismus warnte, weil sie hinderlich für den geistigen Kampf sei – und eine Kopie dem DDR-Staatssekretariat für Kirchenfragen zuleiten ließ.

Sorgsam vermied Bengsch jede persönliche Begegnung mit den Regierenden, aber auch jeden Zusammenstoß. Nur ungern sah er 1975 den vatikanischen Außenminister Casaroli nach Ost-Berlin reisen. Auch sein Nachfolger Meisner verminderte kaum die Distanz, als er 1984 von Rom aus die DDR-Katholiken aufforderte, sich zu Hause heimisch zu fühlen. Jahrzehntelang war der Prälat Gerhard Lange fast einziger Kontaktmann zwischen Bischöfen und Regime, regelte er ohne Aufsehen viele Reibungen. Ohne daß je das Recht auf Wehrdienstverweigerung gepredigt wurde, landete zum Beispiel niemand, der seine Kirche um Hilfe bat, gegen sein Gewissen in der Volksarmee.

Ein Kommunist wie Klaus Gysi (der Vater von Gregor), der, zuerst als Botschafter in Rom, dann als Kirchen-Staatssekretär, Katholisches wie eine exotische Delikatesse zu schätzen wußte, ließ allemal mit sich reden und nannte sogar öffentlich atheistischen Eifer eine Dummheit. Nie gab es in der DDR auch nur Versuche, sich in kirchliche Personalpolitik – etwa Bischofsernennungen – einzumischen; die Kirche habe sogar mehr Chancen "als sie oft genutzt hat", dämmerte es schon Bengsch...

Jetzt sah man etwas bedrückt, seiner Vermittlerfunktion enthoben und beargwöhnt von späten Besserwissern, den Prälaten Lange beim Katholikentag auftreten und hörte ihn vor einer Überschätzung Gorbatschows warnen und vor DDR-Lehrern, "die plötzlich ganz anders reden". Mancher hat eben jetzt seine Identitätsprobleme; übrigens auch Klaus Gysi, der beim kirchenkritischen "Katholikentag von unten" auftauchte, die alte SED-Führung verdammte und der neuen PDS seines Sprößlings bescheinigte, ihre Lektion gelernt zu haben: daß es "ohne die Menschen nicht geht".

Da hatte es eine Kirche wie die römische immer schon leichter, auch dank der Reformatoren, die sie (zwecks "Perestrojka") immer wieder hervorbrachte. Und weil sie Menschen, mehr oder weniger gläubigen, allemal etwas zu geben hat – wie etwa diesen Katholikentag der großen Worte und kleinen Tröstungen, die über das "Tschernobyl der Seelen", von dem der Ukrainer Husar sprach, auch im Westen hinweghelfen. "Mit meinem Gott überspringe ich Mauern" – die Bibel im Psalm 18 schien es schon prophezeit zu haben. Da wurden dann die Mauern auch zwischen Politikern und Parteien "durchlässiger" und Kirchenmauern spröde.

Was nach Phrase klang und sonst, von Kanzeln gepredigt, kaum Funken schlägt, wirkte hier zwischen Messegelände und Olympiastadion doch irgendwie vom Himmel auf die Erde gebracht, von Gott, "der die Mächtigen vom Thron stürzt". Kein bloßer Frühlingstraum und kein Sommer-(oder Winter-) Märchen mehr – auch kein nur deutsches oder nur katholisches, obschon die Schatten nationalistischen, theologischen und ideologischen Haders nicht ganz zu verbannen waren. "Wir werden den Spieß nicht umdrehen – eine Marxistenhatz ist mit mir nicht zu machen!" versicherte Minister Meyer und bekannte sich auch jetzt noch zur "Geborgenheit der kleinen Kreise", in der seine Kirche nicht im Sozialismus, sondern daneben überlebte. Da bedurfte es keiner missionarischen Beschwörungen, wie sie der (aus Berlin nach Köln verschlagene) Kardinal Meisner in eines seiner Wortspiele kleidete, als er – ohne Furcht vor Geschmacksverirrung – verkündete: "Dieser Gott schmeckt immer nach mehr..."