In Berlin und um Berlin herum

Von Onno Reiners

Berlin ist schön und die Umgebung auch: zu Schöneberg, Schönhausen und Schöneweide gesellen sich außerhalb der Stadt die Orte Schönwalde, Schönefeld, Schönerlinde, Schönfließ und Schönwalde II. Sie reihen sich auf am Berliner Außenring, der Bahnlinie, welche die Stadt auf einer Länge von ungefähr 130 Kilometern umspannt.

Die geballte Schönheit des Umlandes einmal. vom Zugfenster aus zu erkunden macht die unbürokratische Zusammenarbeit der Berliner Verkehrsbetriebe West (BVG) und Ost (BVB) möglich.

Am Bahnhof Wannsee warten sie schon auf uns, die legendären zweistöckigen Sputnik-Waggons, die von der DDR für den Nahschnellverkehr eingesetzt werden. "Die Pässe bitte!" Noch werden in Griebnitzsee die letzten Reste von Formalität gewahrt. "Alle mal hochhalten", kürzt das diensthabende "Grenzorgan" die Prozedur ab und sechzig Menschen halten brav sechzig Pässe und Ausweise in die Luft. Ein preußisch knapper Blick in die Runde, und schon fahren wir weiter.

Durch die Filmmetropole Babelsberg geht es nach Potsdam. Heruntergekommene Bauten säumen den Weg. Mit viel Phantasie läßt sich der alte Glanz Potsdams und der geplante Glanz als "Kultur- und Tourismusmetropole Europas" erahnen. Haltestelle Wildpark. Der ehemalige "Kaiserbahnhof" ähnelt einer geheimnisvollen Schloßruine. Hier stoßen wir auf den Außenring. Schlagartig leert sich der Zug: Westliches Feiertagspublikum schwärmt aus, um auf verschlungenen Park- und Waldwegen Schloß Sanssouci und den Wildpark zu erobern.

Wir rumpeln durch Schrebergärten in Richtung Potsdam-Hauptbahnhof. Potsdams Zentrum allerdings bleibt in der Ferne. Der Hauptbahnhof der 140 000-Einwohner-Stadt ist ein Kuriosum: Er liegt außerhalb der Stadt im Grünen, damit er direkten Anschluß an den Außenring hat.

Umsteigen. Der nächste Zug läuft als Zielbahnhof Schönefeld an, Ostberlins Flughafen südöstlich der Stadt. Kaum haben wir uns auf dem Oberdeck in Blickpositur gesetzt, geht es los. Wir überqueren den Templiner See, einen der vielen Havelseen südwestlich Potsdams, die unter Landschaftsschutz stehen. Sie werden eingebettet von sanft geschwungenen, bewaldeten Hügeln.

In Berlin und um Berlin herum

Noch scheint nicht jeder Schaffner (Ost) mitbekommen zu haben, daß Fahrkarten (West) auch auf dem Außenring gelten. Erst ein kenntnisreicherer Kollege kann uns vor dem zweiten Griff ins Portemonnaie retten. Aus ungewohnter Perspektive – von oben – sehen wir die Transitautobahn nach Hannover. Sie trennt das Seengebiet von den endlosen Feldern landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Der Blick kann ungehindert bis an den bewaldeten Horizont schweifen.

Potsdam und Berlin machten lokale Eisenbahngeschichte: 1838 wurde zwischen den beiden ehemaligen Residenzstädten die erste Berliner Bahnstrecke eröffnet. Doch die Mauer brachte diese Direktverbindung, die Wannseebahn, zum Stillstand. Aber nicht nur sie wurde Opfer des 13. August 1961. Viele Orte an der Berliner Peripherie sahen sich plötzlich vom sternförmig auf die Stadtmitte zulaufenden Nahverkehrsnetz abgeschnitten. Bergholz, Genshagener Heide, Blankenfelde, fast jede Station auf dem Südabschnitt des Außenrings markiert einen Punkt, auf dem sich der Außenring und die amputierten Vorortlinien, die einmal in die Stadtmitte führten, kreuzen. Der Außenring – ursprünglich für den Fernverkehr gedacht – mußte über Nacht Nahverkehrsfunktionen übernehmen. Zusätzliche Gleise und Elektrifizierung rüsteten den Ring für den neuen Pendleransturm.

Dreißig Minuten braucht der Zug von Potsdam nach Schönefeld. Hie und da unterbrechen birken- und kiefernbestandene Sandrücken den Blick in die Weite. Bis auf einmal preußisch korrekt aufgereihte Flugzeuge gleichsam auf den Äckern zu stehen scheinen – Ost-Berlins Großflughafen. Ein Blick nach links: Dort wachsen ebenso unvermittelt die Wohnsilos, Bauart West, von Britz und Lichtenrade aus den Äckern. An keiner anderen Stelle bricht die Westberliner Stadtkante so unvermittelt ab wie hier. Aber wie lange noch? Wir rauschen durch Waßmannsdorf. Hier – zwischen Westberliner Trabantenstädten und Ostberliner Flughafen – planen westdeutsche Investoren ein gewaltiges Einkaufszentrum. Wovor Stadtplanern in Ost und West graut, an dieser Stelle scheint es Wirklichkeit zu werden: das explosionsartige Wuchern Berlins in alle Windrichtungen.

Auf dem zehngleisigen Bahnhof Schönefeld in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flughafen herrscht immer geschäftiges Treiben. S-Bahnen, Nah- und Fernzüge geben sich ein ununterbrochenes Stelldichein. Die Kontrollstände der Fahrdienstleiter ähneln Fluglotsenterminals. Wir verlassen unseren "lokbespannten Schnellverkehrszug" und damit bis Blankenburg im Nordosten auch den Außenring. Er wird auf dieser Strecke nur selten befahren.

Unser nächstes Gefährt ist eine richtige rotbeige S-Bahn. Sie soll uns durchs Zentrum Ost-Berlins fahren und im Norden wieder am Außenring abliefern. Direkt hinter Schönefeld hat uns die Stadt wieder. In der Ferne lockt der Müggelsee mit seinem Müggelturm, wir aber kommen in die Industriegebiete von Adlershof und Niederschöneweide: Gründerzeitfabriken und Schienen, Schienen und nochmals Schienen. West-Berlin scheint umzingelt zu sein von Gleisen und Rangierbahnhöfen. In Treptow, auch hier dominiert Industrie, streifen wir den Treptower Park, eine Art sozialistisches Disneyland, mit dem Hafen der Ostberliner Ausflugsflotte, Gartenlokalen, einem riesigen Jahrmarkt, dem gigantomanischen sowjetischen Ehrenmal, der Sternwarte, in der Einstein zum ersten Mal seine Relativitätstheorie vorstellte, dem Hain der Kosmonauten und der Insel der Jugend, Treffpunkt Ostberliner Alternativkultur.

Wir überqueren die Spree. Zur Linken liegt die wiedereröffnete Oberbaumbrücke, die Kreuzberg mit Friedrichshain im Osten verbindet. Nur die U-Bahn, die berühmte Linie 1, darf noch nicht wieder ihre ursprüngliche Endstation, den Warschauer Platz, anfahren.

Wir erreichen das Ostkreuz, den wohl meistbefahrenen S-Bahnhof der Stadt. Welch ein Kontrast zu seinem Pendant, dem verwaisten Westkreuz. Ost- und Westkreuz bilden die Verkehrspole des Berliner S-Bahn-Innenrings, der Ringbahn. Nichts könnte die unterschiedliche Verkehrspolitik beider Stadthälften drastischer vor Augen führen als der Gegensatz zwischen diesen beiden Bahnhöfen: Drüben mit allen Mitteln gepäppelt, wurde die S-Bahn hüben zuerst Opfer des Kalten Krieges, dann der autogerechten Stadt.

In Berlin und um Berlin herum

Frankfurter Allee, Leninallee, Ernst-Thälmann-Park, Prenzlauer Allee, Schönhauser Allee, jede dieser Stationen in Richtung Norden markiert eine der sternförmig angeordneten Ausfallstraßen Ost-Berlins. Westlich der Station Frankfurter Allee beginnt die Karl-Marx-Allee, die sechsspurige Prachtstraße des Ulbrichtschen Betonsozialismus, gebauter Klassenkampf sozuagen, der sozialistisches Selbstbewußtsein demonstrieren sollte. Von der Station Ernst-Thälmann-Park kann man die Greifswalder Chaussee bewundern, die herausgeputzte Protokollstrecke, auf der die alte Führungsriege stadtein und -auswärts rollte.

Auf der Fahrt durch den Prenzlauer Berg Hinterhöfe und nochmals Hinterhöfe. Den Vergleich mit Kreuzberg hat dieser Stadtbezirk verdient: Szenelokale schießen wie Pilze aus dem Boden, und Hausbesetzungen gibt es auch.

An der Bornholmer Straße biegen wir nach Nordosten ab. Ost- und West-S-Bahn nähern sich auf diesem toten Bahnhof bis auf wenige Meter. Hier, an symbolischem Ort, soll möglichst bald "wieder zusammenwachsen, was zusammengehört". Wenn da nicht einige Stolpersteine wären. Wer bezahlt das Verschwenken der Gleise? Und wer überzeugt widerspenstige Anwohner, daß ihr Anspruch auf Ruhe vor der Wiederbelebung stillgelegter Gleise zurückzustehen hat?

Weiter geht’s durch Pankow. Vom Zugfenster aus sieht man den restaurierten Ortskern. Vorbei an Güterbahnhöfen läuft die Stadt hinter Pankow in einem Meer von Schrebergärten aus. Ade Berlin, ein Schwenk nach Westen: Der Außenring hat uns wieder! Wenn man den Dreh verpaßt hat und aus Versehen weiter fährt, warten Schönerlinde, Schönwalde, aber auch Wandlitz und Bernau, der DDR-Kreis mit den meisten Stasi-Bunkern.

Wir landen in Schönfließ, der ersten Station außerhalb Berlins. Die Schönheit dieser Station hält sich in Grenzen, doch ein Feldweg führt direkt am einsamen Wärterhäuschen vorbei zum nahen Wald. In weitem Bogen erreichen wir unmittelbar neben der Mauer Hohen Neudorf, einen idyllischen kleinen Ort in Rufweite von Frohnau, dem nördlichsten Stadtteil West-Berlins. Wer Lust hat, kann von hier einen Waldspaziergang zurück in den Westen machen. Der Weg führt direkt über die tote Trasse der alten S-Bahn von Berlin Stadtmitte nach Oranienburg.

Wir müssen eine Station weiter, nach Birkenwerder. Dort soll es Anschluß nach Potsdam geben. Auch nach einer Stunde ist noch kein Zug in Richtung Potsdam in Sicht. Dem kurz angebundenen Bahnpersonal entringen wir schließlich das Geheimnis des Zweistundentaktes. Der ländliche, bevölkerungsarme Westabschnitt des Rings zwischen Postsdam und Oranienburg ist das verkehrspolitische Stiefkind des Außenringes. Kurz entschlossen nehmen wir den nächstbesten Sputnik. Er verspricht, uns nach Falkenhagen zu bringen, auf halber Strecke nach Potsdam.

Bald schon tauchen über den Waldwipfeln die Schlote der Stahlwerke von Hennigsdorf auf. Wir nähern uns Schönwalde. Hier, in unmittelbarer Nähe des Spandauer Forstes lohnen sich ausgedehnte Spaziergänge durch die hügeligen Waldgebiete. Ebenso wie in Falkenhagen entdeckt man nichts vom Ort. Ein Bahnhöfchen, ein Stoppsignal, das ist alles.

Vom Oberdeck des Sputniks steigen wir hinab in einen Schienenbus. Bei Wustermark nehmen wir Abschied vom Außenring. Vorbei an einem der ältesten deutschen Rangierbahnhöfe geht’s nach Staaken, politische Stadtkante, Endstation.