Noch scheint nicht jeder Schaffner (Ost) mitbekommen zu haben, daß Fahrkarten (West) auch auf dem Außenring gelten. Erst ein kenntnisreicherer Kollege kann uns vor dem zweiten Griff ins Portemonnaie retten. Aus ungewohnter Perspektive – von oben – sehen wir die Transitautobahn nach Hannover. Sie trennt das Seengebiet von den endlosen Feldern landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Der Blick kann ungehindert bis an den bewaldeten Horizont schweifen.

Potsdam und Berlin machten lokale Eisenbahngeschichte: 1838 wurde zwischen den beiden ehemaligen Residenzstädten die erste Berliner Bahnstrecke eröffnet. Doch die Mauer brachte diese Direktverbindung, die Wannseebahn, zum Stillstand. Aber nicht nur sie wurde Opfer des 13. August 1961. Viele Orte an der Berliner Peripherie sahen sich plötzlich vom sternförmig auf die Stadtmitte zulaufenden Nahverkehrsnetz abgeschnitten. Bergholz, Genshagener Heide, Blankenfelde, fast jede Station auf dem Südabschnitt des Außenrings markiert einen Punkt, auf dem sich der Außenring und die amputierten Vorortlinien, die einmal in die Stadtmitte führten, kreuzen. Der Außenring – ursprünglich für den Fernverkehr gedacht – mußte über Nacht Nahverkehrsfunktionen übernehmen. Zusätzliche Gleise und Elektrifizierung rüsteten den Ring für den neuen Pendleransturm.

Dreißig Minuten braucht der Zug von Potsdam nach Schönefeld. Hie und da unterbrechen birken- und kiefernbestandene Sandrücken den Blick in die Weite. Bis auf einmal preußisch korrekt aufgereihte Flugzeuge gleichsam auf den Äckern zu stehen scheinen – Ost-Berlins Großflughafen. Ein Blick nach links: Dort wachsen ebenso unvermittelt die Wohnsilos, Bauart West, von Britz und Lichtenrade aus den Äckern. An keiner anderen Stelle bricht die Westberliner Stadtkante so unvermittelt ab wie hier. Aber wie lange noch? Wir rauschen durch Waßmannsdorf. Hier – zwischen Westberliner Trabantenstädten und Ostberliner Flughafen – planen westdeutsche Investoren ein gewaltiges Einkaufszentrum. Wovor Stadtplanern in Ost und West graut, an dieser Stelle scheint es Wirklichkeit zu werden: das explosionsartige Wuchern Berlins in alle Windrichtungen.

Auf dem zehngleisigen Bahnhof Schönefeld in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flughafen herrscht immer geschäftiges Treiben. S-Bahnen, Nah- und Fernzüge geben sich ein ununterbrochenes Stelldichein. Die Kontrollstände der Fahrdienstleiter ähneln Fluglotsenterminals. Wir verlassen unseren "lokbespannten Schnellverkehrszug" und damit bis Blankenburg im Nordosten auch den Außenring. Er wird auf dieser Strecke nur selten befahren.

Unser nächstes Gefährt ist eine richtige rotbeige S-Bahn. Sie soll uns durchs Zentrum Ost-Berlins fahren und im Norden wieder am Außenring abliefern. Direkt hinter Schönefeld hat uns die Stadt wieder. In der Ferne lockt der Müggelsee mit seinem Müggelturm, wir aber kommen in die Industriegebiete von Adlershof und Niederschöneweide: Gründerzeitfabriken und Schienen, Schienen und nochmals Schienen. West-Berlin scheint umzingelt zu sein von Gleisen und Rangierbahnhöfen. In Treptow, auch hier dominiert Industrie, streifen wir den Treptower Park, eine Art sozialistisches Disneyland, mit dem Hafen der Ostberliner Ausflugsflotte, Gartenlokalen, einem riesigen Jahrmarkt, dem gigantomanischen sowjetischen Ehrenmal, der Sternwarte, in der Einstein zum ersten Mal seine Relativitätstheorie vorstellte, dem Hain der Kosmonauten und der Insel der Jugend, Treffpunkt Ostberliner Alternativkultur.

Wir überqueren die Spree. Zur Linken liegt die wiedereröffnete Oberbaumbrücke, die Kreuzberg mit Friedrichshain im Osten verbindet. Nur die U-Bahn, die berühmte Linie 1, darf noch nicht wieder ihre ursprüngliche Endstation, den Warschauer Platz, anfahren.

Wir erreichen das Ostkreuz, den wohl meistbefahrenen S-Bahnhof der Stadt. Welch ein Kontrast zu seinem Pendant, dem verwaisten Westkreuz. Ost- und Westkreuz bilden die Verkehrspole des Berliner S-Bahn-Innenrings, der Ringbahn. Nichts könnte die unterschiedliche Verkehrspolitik beider Stadthälften drastischer vor Augen führen als der Gegensatz zwischen diesen beiden Bahnhöfen: Drüben mit allen Mitteln gepäppelt, wurde die S-Bahn hüben zuerst Opfer des Kalten Krieges, dann der autogerechten Stadt.