Leben und Leiden der Tiere

Im Meer des Unverstands, das Tierschutz und seinen Vertretern entgegenbrandet, einen sauberen Kurs zu steuern, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Tückischerweise liegen die Gefahren weniger bei den offenen Gegnern als unter den glatten Wogen der Konvention, bei den Untiefen der Halbherzigkeit, in Nebelschwaden scheinbarer Tierfreundlichkeit.

Der Sonntagsbesuch im Tierpark gilt als harmloses, belehrendes Vergnügen. Die irren und halbirren Gefangenen, Karikaturen ihrer Art, werden als das "Normale" erlebt. Tier und Käfig gehören in der Vorstellung des Kindes zusammen, prägen unauslöschlich Ansicht und Urteil.

Wie sollen Kinder sich zurechtfinden, die sich über Fernsehbilder erschlagener Elefanten entsetzen, über die stumpfe Dressur männchenmachender Zirkuselefanten auf Schemeln aber lachen sollen? Wie können Jugendliche einen Zusammenhang herstellen zwischen der allgemein verabscheuten Massentierhaltung und der begehrten Lederjacke? Zwischen Informationen über das Aussterben der Schimpansen und der angeblich glorreichen Bekämpfung von Aids durch Tierversuche?

Tausende von Jahren hat unsere Zivilisation an einem Lügennetz über die Tiere gewirkt, sie brutal und beliebig gängigen Projektionen unterworfen. Die moderne naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, deren "Objektivität" das Subjekt zum Objekt macht, ist nur eine weitere Variante.

Einen gemeinsamen Nenner haben sie alle: Gewalt. "Das Tierschutz Buch" von Barbara Veit nennt Gewalt beim richtigen Namen: Jagd zum Beispiel oder Rindfleischexporte für Hamburger-Ketten oder den ganz normalen "Krieg gegen Tiere auf allen Ebenen".

Und damit hebt sich dieses Kurs-Buch für junge Leser weit hinaus über die übliche Harmlosigkeit einer "Seid nett zu den Tieren"-Pädagogik. Es ist dem Verlag hoch anzurechnen, daß weder die Beschreibung einer "modernen" Jagd von Tschingis Aitmatow gestrichen wurde noch Sätze wie dieser: "Die meisten Reitpferde enden beim Pferdemetzger."

Am Leitfaden einer mitdenkenden und mitleidenden Vernunft führt Barbara Veit ihre Leser quer durch die Kulturen: Steinzeit, Griechen, Römer, Giljaken, Ainu, zu Ägyptern und Buddhisten. Mit diesem Buch können Kinder ihren Eltern eine Menge Fragen beantworten. Woher kommt der Teddybär? Warum wurden Raben fast ausgerottet? Symbolisiert das Goldene Kalb wirklich nur Geld, oder hat es nicht viel mehr mit den heiligen Kühen der Inder zu tun?

Leben und Leiden der Tiere

Im Bestreben, Tierschutz in den Köpfen der jungen Generation zu verankern, idealisiert die Autorin vielleicht die früheren Greuel, die auch in scheinbar tierfreundlichen Mythen und Märchen durchschimmern. Aber als Hilfsmittel zur Verurteilung neuzeitlichen Massenmordens mag es legitim sein, wenigstens diese Wurzel herauszuarbeiten: Trivialisierung der Tiere, Trivialisierung ihres Leidens und Sterbens.

Die Autorin wagt sogar die Schilderung von Tierversuchen. Sie verfängt sich nicht in den Fallstricken modischer Umweltgesinnung, die zwar Arten vor dem Untergang retten will, gleichzeitig dem Einzeltier aber das individuelle Lebensrecht bestreiten will: Resultat einer total anthropozentrischen Grundhaltung.

Das "Tierschutz Buch" vermittelt jungen Lesern mehr Stoff für ein globales Umdenken als die meisten deutschen Publikationen, die sich an Erwachsene richten.

Da finden sich Hinweise auf alttestamentarische und christliche Quellen des Übels, auf Descartes, dessen Begriff vom Tier als seelenloser Maschine so gut in das Konzept der Herrschenden paßte, die sich im 16. und 17. Jahrhundert zu ihren Raubzügen der Eroberung und Unterwerfung aufmachten.

Ein besonderer Fund: das Zitat des Amerikaners Sheridan, eines Generals, der die Ausrottung des Bisons mit Orden belohnen wollte, weil sie ihm den Weg zu einem "dauerhaften Frieden" mit den Indianern erleichterte, das heißt: zu ihrer Vernichtung.

Barbara Veit dekuvriert Macht- und Gewinnstreben als nahezu einzige Triebfeder des menschlichen Umgangs mit Tieren. Dieser politische Erkenntnisansatz gibt dem Buch, das mit Photos und bunten Bildern zunächst eher gefällig wirkt, Wert und Bedeutung, die über den konventionellen Tierschutz weit hinausweisen.

Sina Walden