Vom Schiff aus wird man dem Rheingau wohl am ehesten gerecht. Das Tempo ist gemächlich, Straßen und Schienen verlaufen in beruhigender Entfernung, die Inseln im Strom sind zum Greifen nah. Leider sind die goldenen Fünfziger vorbei, als es kaum Privatautos gab und der "Köln-Düsseldorfer" die Fahrkarten aus den Händen gerissen wurden. Sonntagsausflug von Mainz nach St. Goar, Passagierreisen bis hinauf nach Basel oder stromabwärts nach Rotterdam. Mit Champagner, Bordkapelle und dicken Lederfauteuils in der ersten Klasse, wo man sich beim Foxtrott die Zeit vertrieb. Draußen zog das Panorama der Romantik vorbei, die sagenumwobenen Ruinen, mittelalterliches Fachwerk und wilhelminische Fälschungen: Stolzenfels, Rheinstein oder Sooneck.

Heute kämpft die weiße Flotte mit roten Zahlen. Die Unterhaltung der Schiffe verschlingt ein Vermögen, der Dollar steht tief, und gegen die Unterhaltung aus dem Videorecorder tut sich ein Sonntagsausflug auf dem Rhein allemal schwer. Knapp dreißig Dampfer sind derzeit noch unterwegs, darunter drei mit riesigen Schaufelrädern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Man will auf den nostalgischen Anblick nicht verzichten, obwohl sich die enormen Reparatur- und Renovierungskosten kaum rechnen. Besonders stromab sind die Veteranen nur schwer navigierbar, immer wieder gibt es kritische Situationen, auch wenn an Deck die Wimpel fröhlich flattern.

Aus Kostengründen fahren die Kapitäne schon seit langem nur noch mit halber Kraft. Das spart Dieselöl, und den Passagieren aus Japan, den USA oder Wilhelmshaven kommt es sowieso nicht darauf an, möglichst rasch in Koblenz oder Köln zu sein. Sie haben überhaupt kein Ziel, wollen vor allem den Rhein erleben, den Landschaftsfilm inhalieren von ihrer schwimmenden Loge aus.

Bei Stromkilometer 554 steht dann spätestens alles an der Reling: Mitten im Fluß liegen die Klippen der sieben Jungfrauen, einst zu Stein verwandelt, weil sie – anders als Loreley – den Männern nicht zu Willen waren. So will es jedenfalls die Sage von der verführerischen Märchendame. Brentano hat die bittersüße Romanze einst in Jena gedichtet, 25 Strophen lang und schon bald unsterblich. Das war ein Thema, so richtig nach dem Geschmack seiner empfindsamen Zeitgenossen. Die bildschöne Nixe, die vom grausigen Felsen herab die Freier anlockt, um ihnen schließlich den Hals zu brechen.

Zu Bacharach am Rheine

Wohnt eine Zauberin,

Die war so schön und feine