Aber im Winter, wenn die Andenkenbuden verschlossen und die Touristen verschwunden sind, spürt man den Hauch der uralten Naturdämonie: eine feuchte Schlucht, von Nebeln halb verhüllt, umströmt vom gurgelnden, grauschwarzen Wasser des Rheins. Hotel, Freilichtbühne und Wanderpark sind verwaist, naß glänzt der Schiefer. Nur das Mädchen aus Muschelkalk im Vorgarten des "Berghotel Loreley" schaut freundlich auf seinen rechten Busen, den der Künstler unverhüllt gelassen hat. Eher Pin-up-Girl denn tückische Lore.

Vom Paradies zu ihren Füßen gehört auch heute noch ein Zipfel den Metternichs, Greiffenclaus oder Schönborns. Namen aus dem Winzer-Gotha, die nichts von ihrem Glanz eingebüßt haben. Im Gegenteil: Die Qualität ihrer Rieslinge ist kaum noch zu verbessern, japanische Handelshäuser sind bereit, jeden Betrag für die Prestigegüter zu zahlen. "Wir bauen jetzt in der 27. Generation Wein an", sagt Graf Erwein Matuschka bescheiden, "da müßten wir es eigentlich gelernt haben." Ähnliches gilt auch für seinen Nachbarn Paul-Alfons, Fürst von Metternich-Winneburg. Dessen Schloß Johannisberg hat vielleicht die schönste Lage, mit Blick hinunter zum Strom und hinüber zu den Ausläufern der Pfälzer Berge. Wie hervorragend sich der Quarzitsockel zwischen Oestrich und Geisenheim der Sonne entgegenstreckt, soll schon Karl dem Großen aufgefallen sein. Von seiner Ingelheimer Pfalz beobachtete der Kaiser eine auffallend frühe Schneeschmelze und schloß auf eine Vorzugslage. Gesichert ist, daß sein trinkfester Sohn Ludwig am Fuß des Johannisbergs etwa zwanzig Hektar Land mit einem Ertrag von sechs Fuder Wein erwarb. Das sind umgerechnet fast 72 Hektoliter, womit der Kaisersohn ganz gut über die Runden kam.

Soviel zum Wein, der natürlich den Rheingau nachhaltiger prägt als alle Kornfelder, Faschingszüge oder Schiffsflotten zusammen. Vor allem im Winter verstärkt das schwarzweiße Filigran der Weinberge den ohnehin holzschnitthaften Charakter der Schiefer- und Fachwerkstädtchen. Aber so klein und überschaubar diese Welt ist, so großartig und vollkommen ist sie andererseits auch. Das Stromtal war Grenzland, Kriegsland, Durchgangsland. Und alle haben ihre Spuren hinterlassen: Römer, Germanen, Franzosen, Kosaken – zuletzt die GIs aus Detroit oder New Orleans. "Römischer Flitter wurde hier im Jahre Null gegen germanische Frauenehre getauscht", schrieb Heinrich Böll aus Köln, "und im Jahr 1947 Leicas gegen Kaffee und Zigaretten."

Auf einen kürzeren Nenner lassen sich 2000 Jahre wohl nicht bringen.