Da rennen zweiundzwanzig erwachsene Leute einem Lederball nach, scheinbar wirr und chaotisch (für den, der die Regeln nicht durchschaut) und doch zielstrebig, spielerisch und zugleich ernst, in kaum merklicher Verständigung untereinander, mal miteinander, mal gegeneinander, mit erlaubten und manchmal mit unerlaubten Tricks, aufgeregt und einander erregend, umringt von mal atemlosen, mal brüllenden Massen, die eigentlich nichts tun und doch mittun – es ist fast wie im wirklichen Leben. Wie im Alltag – nicht nur am Sonntag – Italiens und der Italiener.

Calcio nennen sie das Spiel das bei ihnen, so meinen sie, in der Toskana erfunden wurde, wenn es nicht gar schon zu Cäsars Zeiten von römischen Legionären auf die englische Insel gebracht wurde. Aber als pallacòrda, als spielerisch-kämpferisches Rennen nach dem Ball, betrieben es schon die Florentiner unter den Medici, deren "Bällchen" im Wappen freilich medizinische Blutegel sind Zuerst vom Schläger auf Tennismanier bewegt, kam das Spiel herunter auf den Fuß – football hieß es als importiertes Fremdwort im Italienischen, bis man sich auf die deftige Sache als solche einigte: gioco di calcio oder, ohne "Spiel", einfach nur calcio – so heißt ursprünglich der Fußtritt in den hinteren Körperteil.

Und der muß, zumal im bildlichen Sinne, auch nicht immer ganz böse gemeint sein im sonnigen Süden, wo manchem das Temperament leichter durchgeht, wenn er am Ball bleiben will. Überhaupt sollte man, wenn man in das Land der Fußballweltmeister(schafts-Spiele) reist, getrost alle Vorurteile und Klischeebilder zu Hause lassen. Sie sind ohnehin bestenfalls Spiegelbilder ihres Gegenteils. Da schrieb schon im vorigen Jahrhundert ein erstaunter Reisender aus dem Norden, als er jenseits der Alpen die Augen aufmachte: "Wo sind so viele Faulenzer zu allen Tageszeiten in und vor den Kaffeehäusern versammelt!? Und wie unermüdlich sind die Handwerker, wie betriebsam die Kaufleute?"

Nein, das dolce far niente ist weder so süß noch so untätig, wie es aussieht (man betrachte den gespannt abwartenden Torwart!), es ist so trügerisch wie die verbissene Betriebsamkeit, mit der wir Nordländer oft unser Geschäft betreiben. Gewiß, der Italiener legt Wert darauf, bella figura zu machen, also gut auszusehen und dazustehen, aber sogar der berüchtigt-beliebte, so schön muskulöse latin lover erweist sich oft und in jedem Sinne als ein armer Bursche, der Impotenz mit Präpotenz kompensieren muß. Und deshalb das Spiel betreibt, als ob es ernst wäre.

Und das nicht nur auf privaten und öffentlichen Spielwiesen. Auch in Politik und Wirtschaft und im Straßenverkehr. Wieviel leichter lebt sich doch das Leben, wenn man es nicht so grundsätzlich betrachtet, auf hundertprozentige Erkenntnisse und Ergebnisse hin lebt, wie es die meisten Nordländer zu tun geneigt sind! Man kann es – wie die Italiener – zur fünftstärksten Industrienation auch mit der höchsten Inflationsrate in der EG, mit astronomischer Staatsverschuldung und verrotteter Bürokratie bringen. Nur genügend elastisch, phantasievoll und improvisationsfreudig muß man sein, um sich erfolgreich sogar durchs Chaos von Streik- und Autolawinen zu schlängeln. Wer bei Rot an der Kreuzung auch dann anhält, wenn weit und breit kein Gegenverkehr und kein Fußgänger zu sehen ist, er ist schwerlich ein Italiener. Der würde freilich auch bei Grün nicht weiterrasen, ohne sich vorher umzuschauen. Wer die Regeln beherrscht, ist ja auch dadurch allein noch kein guter Fußballspieler.

Wie anders als durch die Kunst, "sich zu arrangieren" (arrangiarsi), kommt man durchs Leben, wenn sich Fleiß nur bei Schwarzarbeit wirklich zu lohnen scheint? Wenn Staat und Politik und Justiz sich mit allem, was sie tun, mehr Zeit lassen, als der normale Sterbliche hat? O furbi o fessi heißt ein böser Spruch: Entweder man ist schlau oder der Dumme. Die Mafia haßt man, aber man kann mit ihr leben – weil man muß und weil sie nicht überall so heißt. Da kann auch einem an sich fröhlichen Volk das Lachen vergehen, das unbeschwerte jedenfalls. So hat der Humor der Italiener oft etwas Verkrampftes, seine Knalleffekte werden gern mit dem Holzhammer, nicht mit den sonst so beliebten Feuerwerksraketen erzeugt. Und feine Ironie wird im Alltag oft mißverstanden, oder sie kommt gar nicht an, verpufft.

Wird das Spiel des Alltags also doch ernster betrieben, als es scheint? Ja und nein. In der großen Politik Italiens beispielsweise geht man so humorlos miteinander um, verbeißt sich so heillos in Gegensätze wie anderswo. Und doch entstehen keine unversöhnlichen Feindschaften, die Gegner – sogar Kommunisten und Neofaschisten – duzen sich im Parlament, und wenn man gehörig gegeneinander gewettert hat, geht man in die Bar, trinkt gemeinsam einen Espresso. Unseriös? Nein, menschlich und manchmal allzu menschlich geht es zu. Immer bleibt die Phantasie im Spiel und so die Bereitschaft, Umwege, Nebenwege zu gehen, statt mit dem Kopf durch die Wand.

Paradox, voll von Widersprüchen erscheint vielen ordnungsliebenden Mitmenschen das, was sie "typisch italienisch" nennen und was sie selbst – wie Pizza und Chianti – lieben, aber nicht als ihre tägliche Hausmannskost genießen möchten. Die Italiener aber, stolz auf ihre italianità, ihre Eigenheit, leben mit ihr und lieben sie ohne Komplexe. So wie sie beim Durcheinanderreden, bei dem keiner und alle zugleich zu Wort kommen, keineswegs in Streit geraten, sondern meistens das Problem – spielend – lösen, so widmen sie sich ihrem liebsten Vergnügen – mitspielend – auf dem Fußballplatz. Es ist da ja fast wie im wirklichen Leben. Auch die Fanatiker (tifosi – Typhuskranke nennt man sie) und die Spielverderber gehören dazu, nicht nur in Italien. Hansjakob Stehle