Von Fredy Gsteiger

Vorsichtiger hätte sich Jassir Arafat kaum ausdrücken können: "Wir sind, als PLO, nicht verantwortlich für diese Operation", erklärte der PLO-Vorsitzende nach dem Angriff von Terroristen der Palästinensischen Befreiungsfront mit Schnellbooten auf einen überfüllten Strand bei Tel Aviv. Doch verurteilen wollte er das Kommandounternehmen nicht. Es scheint, als billige Arafat die inzwischen wieder härtere Gangart seiner Organisation. Offiziell bleibt die PLO zwar auf Versöhnungskurs. Aber es mehren sich die Zeichen, daß die von vielen PLO-Führern ohnehin nur halbherzig mitgetragene Mäßigung aufgegeben wird. Die Hoffnungen auf einen baldigen Nahostfrieden schwinden; die Falken fuhren wieder das Wort.

Die Israelis haben Arafats "weicher Linie" immer mißtraut – nicht zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt. Der Wille zum Dialog entsprang bei der PLO eher taktischem Kalkül als echtem Gesinnungswandel. Seit Monaten präsentiert sie sich in der arabischen Welt wieder als militante Befreiungsbewegung. Während Jassir Arafat in Amerika, in Westeuropa und vor den Vereinten Nationen noch seinen Friedenswillen bekundete, erklärte in einem arabischsprachigen Radiosender sein Sprecher Bassam Abu Scharif bereits im vergangenen Sommer nach dem Attentat eines Palästinensers auf einen israelischen Bus: "Dies ist kein Terrorismus. Wer seine Rechte verteidigt und sich der Besetzung widersetzt, ist kein Terrorist." Arafat selbst ergänzte in der Nachrichtenagentur der Golfstaaten, bei dem Massenmörder handle es sich um einen Märtyrer. Im übrigen habe er selbst niemanden gebeten, militärische Operationen zu unterlassen.

Je langwieriger sich die Gespräche mit den Vereinigten Staaten in Tunis erwiesen, je weniger Washington bereit war, rasch und massiv Druck auf Jerusalem auszuüben, je deutlicher in Israel die reaktionäre Rechte die Oberhand gewann, um so offensichtlicher bereitete die PLO die Abkehr von eineinhalb Jahren Friedenspolitik vor. "Wenn die Israelis fortfahren, Palästinenser umzubringen, wird dann die PLO den Widerstand weiterhin kontrollieren können?" fragt drohend Abu Scharif. Und der PLO-Vertreter in Genf, Nabil Ramlawi, tat in diesem Frühjahr unverhohlen kund: "Die Befreiung soll und muß mit allen Mitteln erreicht werden – den bewaffneten Kampf eingeschlossen."

Das Faß zum Überlaufen brachte vor gut zwei Wochen die Erschießung von acht Palästinensern in Rischon le Zion durch einen womöglich geistesgestörten Israeli. Arafat meinte resignierend: "Ich weiß nicht, wie lange die Intifada noch meinem Befehl, keine Waffen zu gebrauchen, gehorchen wird." Sogar der gemäßigte Palästinenserführer in Ostjerusalem, Faisal Husseini, bezeichnet seinen gegenwärtigen Hungerstreik als "letzten Versuch, unser Programm der Gewaltlosigkeit zu verteidigen".

Für viele galt Arafats – letztlich am Widerstand Amerikas gescheitertes – Bestreben, vom UN-Sicherheitsrat Beobachter in die von Israel besetzten Gebiete entsenden zu lassen, als vorläufig letzter friedlicher PLO-Vorstoß. Schon beim arabischen Gipfel in Bagdad führte nämlich der PLO-Chef jene Gruppe an, die am lautesten eine Verurteilung der Vereinigten Staaten verlangte. Die Palästinenserbewegung scheint gar bereit, dafür die seit siebzehn Monaten dauernden Gespräche mit Washington zu opfern.

Das am jüdischen Schavuoth-Feiertag im letzten Moment vereitelte Blutbad am Strand bei Tel Aviv könnte der Auftakt zu neuen Gewalttaten sein. Bemerkenswert ist, daß es sich bei den schwerbewaffneten Angreifern nicht um irgendwelche Freischärler gehandelt hat, sondern um Anhänger, von Mohammed Abul Abbas, dem Chef einer bisher hinter Arafat stehenden Fraktion in der PLO. Abbas hat sich nach Ermittlungen des israelischen Geheimdienstes fünf Tage vor der Aktion in Tunis mit Arafat getroffen. Jedenfalls haben sich die beiden beim Gipfel in Bagdad gesprochen.