Der deutsche Aktienmarkt hat den Mai besser überstanden, als zunächst befürchtet worden war. Der Deutsche Aktienindex (Dax) konnte sich von seinem Jahrestiefstand ein gutes Stück erholen. Den Anstoß dazu gaben sogenannte Dividendenkäufe, vorrangig in den Papieren der Großchemie, die von institutionellen Anlegern vorgenommen wurden, die ihrerseits Geld für Ausschüttungen ansammeln müssen.

Wenn sich die Aktien von BASF, Bayer und Hoechst wieder einmal oberhalb der für sie bedeutsamen Marke von 300 bewegen, dann haben sie es auch der festen Tendenz an der Wall Street zu verdanken, wo der Dow Jones Index in dieser Woche einen neuen historischen Höchststand erreichte. Daß er dies allein der nachlassenden Konjunktur in den Vereinigten Staaten zu verdanken hat, die es der dortigen Notenbank erlauben könnte, die Zinszügel zu lockern, gehört zu den Merkwürdigkeiten der Börsenlogik.

Immerhin strahlen die gesunkenen Zinsen für Dollar-Bonds positiv auf den deutschen Rentenmarkt aus. Das scheint zur Zeit hauptsächlich den deutschen Bankaktien zugute zu kommen. Die aus London kommenden Horrormeldungen über das Volumen der Wertpapierabschreibungen deutscher Banken verlieren dadurch weiter an Glaubwürdigkeit. Im übrigen gehören die Banken zu den Unternehmen, bei denen die Ostphantasie eine beachtliche Rolle spielt. Das Geschäft mit den DDR-Kunden hat in den grenznahen Niederlassungen bereits kräftig eingesetzt. Renner sind offensichtlich Kraftfahrzeug-Finanzierungen.

Gezielte Käufe aus dem In- und Ausland geben derzeit der VW-Aktie neuen Auftrieb. Das Volkswagenwerk gilt als das deutsche Fahrzeug-Unternehmen, dessen Fahrzeuge am ehesten für die Ostmärkte geeignet sind. Hinzu kommt, daß Wolfsburg von vornherein um Kooperationen zur Unterstützung des Absatzes bemüht gewesen ist.

Typisch für die gegenwärtige Börsenphase ist, daß es allein Sonderbewegungen sind, die für die freundliche Allgemeintendenz sorgen. Für einen generellen Aufschwung, so heißt es, sei die Zeit noch nicht reif. Vorher müssen das Inkrafttreten des Staatsvertrages und die Einführung der Deutschen Mark im Gebiet der heutigen DDR abgewartet werden. Die dann zu erwartenden Probleme (wie Arbeitslosigkeit) können den weiteren Aufschwung verzögern und auch zu Rückschlägen führen. In der jetzigen Börsenphase ist vor allem Geduld angesagt. K. W.