Mißgünstige Medien haben uns in letzter Zeit einreden wollen, das freiheitlichste Land der Welt, also die Schweiz, betreibe einen ausgedehnten Staatsschutz, der 900 000 Karteikarten über bescholtene Mitbürger angelegt habe. Wir haben das nie glauben können. Hätte nicht das PEN-Zentrum der Schweiz, wenn dem so wäre, Protest eingelegt?

"Die 9. ordentliche Generalversammlung vom 22. April 1989 im historischen Wirtshaus zum Rebstock in Luzern nahm einen ruhigen Verlauf." So beginnt der Präsident Ernst Reinhardt seinen "Jahresbericht des Deutschschweizerischen PEN-Zentrums" (Bern), der uns dieser Tage erreichte. Ähnlich ruhig verlief das literarische Jahr, zumindest in der Schweiz. "Sehr rege" hingegen war "das Leben des Internationalen PEN, das der Präsident (d.i. Reinhardt) aktiv mitverfolgte. Die Wahl des Internationalen Präsidenten gewann der Franzose René Tavernier knapp vor dem Nigerianer Chinua Achebe. Über dem Schicksal beider stand in der Folge ein Unstern." Tavernier nämlich starb, und Achebe erlitt eine Querschnittslähmung. Über dem Schicksal Reinhardts stand insofern kein Unstern, als er einen Protest "zugunsten des exponierten rumänischen Dichters Mircea Dinescu" geplant hatte, der aber "durch den Sturz des Ceauşescu-Regimes alsbald nicht mehr nötig war".

So würde wahrscheinlich auch ein Protest Reinhardts in der Staatsschutz-Affäre, wenn es sie denn gäbe, "alsbald", also nach Ablauf der Berner Schrecksekunde, nicht mehr nötig sein. Zwar haben mißgünstige Medien am Wochenende berichtet, die schweizerische Post habe Telegramme in die DDR routinemäßig dem Staatsschutz übermittelt. Dagegen spricht, daß Reinhardt zur diesjährigen ordentlichen Generalversammlung in Zürich im Restaurant "Du Nord" die DDR-Schriftstellerin Helga Königsdorf eingeladen hat, über den "Wandel in der DDR im Spiegel des PEN" zu sprechen. Hätte der Staatsschutz der Schweiz also gegebenenfalls mit der Stasi zusammengearbeitet? Das kann nicht sein und überschreitet selbst die Vorstellungskraft eines PEN-Autors wie Reinhardt. Deshalb erwarten wir auch in diesem Jahr einen "ruhigen Verlauf" der Generalversammlung und schlagen für das nächste Jahr das Thema vor: "Der Wandel in der Schweiz im Spiegel des PEN", Referent: E. Reinhardt. Finis