Für Südkorea war es der größte außenpolitische Triumph seit der Vergabe der Olympischen Spiele an die Hauptstadt Seoul. Präsident Roh Tae Woo übertrieb nicht, als er sein Treffen mit Michail Gorbatschow in San Francisco ein "Ereignis von historischer Bedeutung" nannte. Der kleine Gipfel am Rande des großen läßt hoffen, daß auf der koreanischen Halbinsel die bedrohlichste Front des Kalten Krieges allmählich aufbricht.

Die Aussicht auf diplomatische Beziehungen zu Moskau ist der bisher eindrucksvollste Erfolg der nach Bonner Vorbild konzipierten südkoreanischen "Nordpolitik". Schon bisher hat dem kommunistischen Norden aller wütende Protest bei den einstigen Freunden nichts genützt: Unbeeindruckt tauschten Ungarn, Polen und Jugoslawien mit dem kapitalistischen Süden Botschafter aus. Auch jetzt vermochten die von Pyöngyang angedrohten "ernsten politischen Konsequenzen" den sowjetischen Präsidenten nicht von seiner Begegnung mit Roh abzuhalten.

Gorbatschow kalkuliert kühl. Das aufstrebende Industrieland Südkorea ist für ihn ein interessanter Partner, Kredite aus Seoul (von vier Milliarden Dollar ist die Rede) wären dem Kreml höchst willkommen. Das stalinistische Fossil Nordkorea dagegen, von dem weltentrückten Diktator Kim II Sung seit vierzig Jahren selbstherrlich und fremdenfeindlich regiert, hat für die Sowjets seine Bedeutung als strategisches Glacis längst verloren.

Nach dem Umbruch in Osteuropa hat sich der 78 Jahre alte Kim, früher sorgsam auf Äquidistanz zu Moskau und Peking bedacht, ganz auf die Seite der chinesischen Blutgreise geschlagen. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens war er des Lobes voll über deren "prompte Auflösung der konterrevolutionären Unruhen". Je mehr der Boden unter ihnen schwankt, um so heftiger klammern sich die beiden Tyranneien aneinander. Verläßlichen Halt werden sie dabei nicht finden. Gorbatschow hat das erkannt und handelt konsequent. Er will sich auch in Asien nicht vom Leben bestrafen lassen. M.N.