Zu Neumünster in Schleswig-Holstein, auf dem Geestrücken gelegen, fast der geographische Mittelpunkt des Landes, laßt sich viel Charakteristisches nicht sagen. Vielleicht: Garnisonsstadt, eher industrieorientiert als ländlich ausgerichtet, vormals nicht danisch, aber auch nicht preußisch in Denken und Gedanklichkeit verfaßt. Man könnte meinen, eine weithin unspezifische Stadt, der Berühmtheit oder selbst Bekanntheit kaum zugewachsen sind. Die schnellen Zuge von Süden nach Norden umfahren die Stadt oder sehen in ihr nur einen ungeliebten Kurzstopp vor.

Aber kommen Folgeerscheinungen der ersten industriellen Revolution in den Blick, so gewinnt diese Stadt Beispielcharakter, weil sich in der familiären Überschaubarkeit demonstrieren läßt, was sich im 19. Jahrhundert an sozialen Auf- und Abstiegsprozessen ereignet hat. Hans Fallada hat sich dieses Paradigma von Unbotmaßigkeit und Aufsässigkeit nicht entgehen lassen, und blickt man mit ihm zurück, so war die Sprödigkeit der Holsteiner wohl am ehesten in Neumünster einzufangen: gleichsam großstädtisch, doch der eher ländlichen Tradition noch verpflichtet und gleichzeitig an industriellen Neuerungen beteiligt, die das Umfeld später unbedacht ließen. Fallada hat aus solcher Widersprüchlichkeit Literatur gestaltet – man erinnert sich an "Bauern, Bonzen, Bomben", auch an "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt" und schließlich "Kleiner Mann – was nun?". Seine klagend-anklagende Literatur, das sind Miniaturen, die seine eigene Gegenwart einfangen und demonstrieren, die geschichtliche Dimension kaum erfahrbar machen.

In der heutigen Geschichtswissenschaft besteht eine emsige Umsicht nach jenen Dokumenten, die Geschichte von unten ansichtig machen. Nicht die Geschichte der Haupt- und Staatsaktionen soll portraitiert werden, sondern wie sich historische Erfahrung in der individuellen Lebenspraxis darstellt. Damit ist naturlich auch viel Popularität für das Triviale geleistet worden. Die Geistesgeschichte im Sinne der Zeitgeistforschung hat solcher Sicht von Geschichte und Geschichtlichkeit Vorschub geleistet, hat aber auch deutlich gemacht, daß Konturen und Zeit und Zeitgebundenheit prägnanter werden, wenn sie aus den Lebensumständen der "kleinen Leute" abgeleitet werden. Eine derartige Interpretation von Geschichte scheint auf jeden Fall handgreiflicher als eine de- oder entpersonalisierte Geschichtsschau, die nurmehr die Prozesse in den Blick nimmt.

Die historische Umschrift sozialer Prozesse im 19. Jahrhundert ist vielfach und spektakulär veranstaltet worden. Gerhart Hauptmanns "Weber" geben viel von dem preis, was als Abstiegsprozeß ehemals veritabler Handwerklichkeit charakterisiert werden darf. Neues kommt auf, Tradition wird schnell verabschiedet und der Neokapitalismus findet die Opfer unter den ohnedies nicht sonderlich Begünstigten. Dies kann nun mit dem Buch von Rudolf Tonner korrigiert oder auch präzisiert werden. Hier ist nicht Literatur geschrieben, sondern mit den Mitteln von Erzählung Geschichte nachberichtet und solchermaßen eine Umbruchsituation von Handwerklichkeit zur seriellen Industrieproduktion recherchiert worden. Zwei Zeitströmungen im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts treffen hier aufeinander, die Beharrlichkeit von Tradition und die Faszination, die neue Produktionsweisen anregen. "Was kann nicht alles neue Technik leisten?" so lautet in nüchterner Umschrift eine der Fragen an die veränderte Produktionsszenerie. Freilich ist auch das Aufbegehren der Altvorderen mit im Spiel, gewiß nicht jener naturalistischen Mentalität, wie bei Hauptmann, der Geschichte in agitatorische Literatur umgegossen hat.

Man wird im Blick auf Schleswig-Holstein hinzusetzen müssen, daß sich nicht nur Produktionsweisen verändern, sondern daß gleichzeitig die politische Sensibilität der Region Formen annimmt, der kämpferisches Potential innewohnt. Gelegentlich hat Geschichtsschreibung suggeriert, daß die Separation von Danemark nur ein Akt preußischer Omnipotenz gewesen sei. Die "Basis" hat an solcher Entwicklung gewiß mitgewirkt. Politische Emanzipation und industrielle Innovationen spielen in der Lokalstudie eine nicht auseinanderzudividierende Rolle.

Der Wachholtz-Verlag in Neumunster erweist sich wiederum als Sachwalter landesgeschichtlicher Akkuratesse. Der Herausgeber hat das Manuskript des literarisch gebildeten Schulmeisters Tonner auf jene Passagen reduziert, die Geschichte auch in der Nacherzählung erfahrbar werden lassen. Wenn denn "Geschichte von unten" rapportiert werden soll, so gewiß in der hier mitgeteilten Form.

Joachim H. Knoll