Der Gipfel als Zwischenstation: Jetzt muß Michail Gorbatschow um seinen Einfluß in Moskau ringen

Von Christian Schmidt-Häuer

Washington, im Juni

Die beiden Präsidenten zollten einander Respekt. Michail Gorbatschow urteilte: "Er betreibt keineswegs nur ein politisches Spiel. Er hat seinen Kurs ernsthaft überprüfen müssen ... und ihn zum Besseren gewendet." Die Antwort war nicht minder bemüht: "Ich bin bereit, mit Gorbatschow ein gutes Stück Weges zu gehen. Natürlich haben wir unsere Meinungsverschiedenheiten, aber die meisten Punkte werden wir klären können... Es gibt keine großen und keine kleinen Präsidenten."

Der so sprach war 5000 Meilen vom Gipfel in Washington entfernt, aber im Zentrum der Geschichte: Boris Jelzin. Im dramatischen Duell zwischen dem Präsidenten der Sowjetunion und dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des russischen Kernlands spielte der Gastgeber im Weißen Haus nur den Sekundanten – den gutwilligen Sekundanten Michail Gorbatschows. Wenn der um die Erhaltung seiner Macht und seines Landes kämpfende Kremlchef von seinem sechsten Gipfel nach 1985 einen Erfolg mitbringen konnte, dann diesen: Es gelang ihm, das Wohlwollen des amerikanischen Präsidenten von der Perestrojka auf die Person Gorbatschows umzulenken.

Schwieriger Balanceakt

Während der Repräsentant der Sowjetunion, von dem sich die Mehrheiten der größten Nationen in seinem Lande nicht mehr vertreten fühlen, noch mit dem pomp celêbre der alten Supermächte begrüßt wurde, löste sich die Zentralgewalt des sowjetischen Riesenlandes scheinbar unaufhaltsam auf. Nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte der Gipfeltreffen erschienen die beiden Hüter der größten Waffenarsenale so an die Peripherie der Ereignisse gedrängt wie in Camp David, als sie am Wochenende ihre Golf-Wagen nach George Bushs Kommando "Vorwärts marsch!" zur lockeren Abschlußrunde in die Aspen-Lodge kutschierten.