Von Gunhild Lütge

Rudolf Stadermann, Mittelständler und Vizepräsident des Unternehmerverbandes der DDR, weiß, wovon er redet. Als er sich 1980 selbständig machte, mußte er acht Jahre lang auf die Zuteilung eines Telephons warten. Ein Viertel seiner Arbeitszeit verbrachte er in Warteschlangen vor der Post. Das hatte wenigstens einen Vorteil: Es förderte die Improvisationsgabe.

Genau die müssen jetzt auch alle Partner im West-Ost-Kontakt entwickeln. Denn an der desolaten Situation im Fernmeldewesen kann sich – trotz aller Anstrengungen – auf die schnelle nicht viel ändern. Die "telephonische Vereinigung" kostet nämlich Zeit – und vor allem Geld. Spürbar bessere Telephon-Kontakte werden erst im L?ufe des nächsten Jahres möglich sein. Sind aber alle Pläne dann Wirklichkeit, wird eines der modernsten Fernmeldenetze der Welt in Betrieb gehen. Ein spannendes Unterfangen, vor allem für die westdeutschen Telephon-Konzerne: Sie hoffen auf ein Milliardengeschäft.

Verschiedene Arbeitsgruppen mit Fachleuten aus Ost und West arbeiten derzeit mit Hochdruck am Ausbau der elektronischen Autobahnen. Als Meister im Improvisieren haben sich die Fernmeldetechniker hüben wie drüben erwiesen. Sie aktivierten bisher jede Leitung, die irgendwo zu finden war. Doch dem Massenverkehr in diesen bewegten Zeiten ist das DDR-Netz gleichwohl nicht gewachsen. Es ist über Jahrzehnte verrottet. Während in der Bundesrepublik viele Milliarden in die Infrastruktur gesteckt wurden, passierte im anderen Teil Deutschlands ... nichts.

Das Ergebnis beschreibt Karl Thomas, Geschäftsbereichsleiter bei der bundesdeutschen Telekom: "Der Entwicklungsstand entspricht etwa der Situation zum Ende des Zweiten Weltkrieges." Die Leitungen sind größtenteils verschlissen und die Vermittlungsstellen – die Schaltzentralen für den in- und ausländischen Fernmeldeverkehr wurden hierzulande mit modernen Computern ausgestattet – sind bis zu sechzig Jahre alt. "Da gibt es selbst keine Ersatzteile mehr", stellte Heinz Uhlig, Chef der DDR-Telekom, schlicht fest. Dementsprechend spärlich ist die Versorgung mit Telephonapparaten. Auf hundert Wohnungen kommen in der DDR nicht einmal sechzehn Anschlüsse. In der Bundesrepublik gibt es – statistisch – in jeder Wohnung einen.

Trotz der gebotenen Eile gilt es, "die Infrastruktur sauber zu planen", mahnt Telekommunikations-Fachmann und -Berater Franz Arnold, der früher bei der Deutschen Bundespost für den Ausbau des heimischen Netzes zuständig war: "Die Struktur muß stimmen. Sonst wird nachher alles viel teurer." Darum geht es zwar bedächtig, dafür aber stetig voran.

Mitte Mai haben sich der Bonner Postminister Christian Schwarz-Schilling und sein Amtskollege in der DDR, Emil Schnell, auf eine Marschroute geeinigt. "Wir sind der gemeinsamen Überzeugung, daß die Vereinigung beider deutschen Staaten zu einem einheitlichen Post- und Fernmeldewesen führt", verkündeten beide ganz harmonisch in einer Erklärung. Die Deutsche Bundespost Telekom dient der Schwester in Ost-Berlin als bewundernswertes Vorbild, dem es – in jeder Hinsicht – nachzueifern gilt.