Die Ostberliner peilen zunächst das Ziel an, bis Ende des Jahres ein sogenanntes digitales Overlay-Netz zu installieren. Es ist eine fast komplett neue Infrastruktur, die zunächst die wichtigsten Wirtschaftszentren der DDR miteinander verbinden wird. Sind die Kabel erst in der Erde und die Vermittlungsstellen in Betrieb, dürfte sich der schlimmste Gesprächsstau innerhalb der DDR allmählich auflösen. Dieser Kern soll dann bis zum Ende des Jahrzehnts zur flächendeckenden Versorgung ausgebaut werden.

Um auch den Anschluß an die Bundesrepublik zu bekommen, will Bonn die bereits vorhandene Glasfaserstrecke nach West-Berlin erweitern und in den Osten der Stadt verlängern. Zusatzlich sollen zwei Kabelverbindungen bis Ende 1992 das Bundesgebiet mit der DDR verbinden: Eine Nordtrasse über Magdeburg und eine Südtrasse über Leipzig nach Berlin.

Bis Mitte der neunziger Jahre dürften sich dann – laut Plan – rund eine weitere Million Haushalte und Betriebe berechtigte Hoffnung auf einen Fernsprecher machen. Derzeit gibt es 1,8 Millionen Anschlüsse. Gemessen am bundesdeutschen Niveau, bleibt der Kreis der Telephonbesitzer also noch recht exklusiv. Dabei ist der Andrang groß. Schon heute liegen 1,2 Millionen Anträge bei der Deutschen Post in Ost-Berlin – manche davon schon viele Jahre.

Um vor allem der geschäftlichen Kommunikation schnell freie Bahn zu verschaffen, soll der Mobilfunk zum Zuge kommen. Die spezielle Infrastruktur fürs Funktelephon ist zwar rasch gebaut, aber teuer. Wegen der hohen Gebühren werden die praktischen schnurlosen Geräte – sie kosten ein paar tausend Mark – nur wenigen vorbehalten sein, und zwar in erster Linie den Unternehmen.

Durch diese kurzfristige Blitzaktion geraten die Planer allerdings in ein langfristiges Dilemma. Denn das mobile Netz, das jetzt installiert werden soll, ist in absehbarer Zeit bereits überholt. Es hat nur einen Vorteil: Im Gegensatz zur neuen Technik funktioniert die alte schon. Aber der neue Standard wird sich bald durchgesetzt haben. Sowohl das Bonner Staatsunternehmen Telekom als auch sein privater Wettbewerber, die Mannesmann AG, arbeiten auf Hochtouren daran. Sie geben in den kommenden Jahren jeweils Milliarden für zwei komplett neue Netze aus. Im Gegensatz zum alten System, das nur innerhalb Deutschlands funktioniert, wird das neue ganz Europa verbinden. Doch die isolierte gesamtdeutsche Lösung scheint in diesem Fall unausweichlich.

Denn insgesamt, so die Schätzung, fehlen 7 Millionen Anschlüsse, 90 000 Telephonzellen, 360 000 Telefax-Anschlüsse und 60 000 Datenanschlüsse, die für Industrie und Wirtschaft ganz besonders wichtig sind. Allein die Versorgung mit Fernsprechanschlüssen wird dreißig Milliarden Mark verschlingen.

Die bundesdeutsche Telekom steht deshalb nicht nur mit Rat und Tat, sondern auch mit dem nötigen Kapital zur Seite. Noch in diesem Jahr fließen 350 Millionen Mark, und für 1991 ist ein stattlicher Kredit zugesagt: Zwei Milliarden Mark kann DDR-Postminister Schnell im kommenden Jahr verteilen. Die Frage für ihn ist nun: an wen? Lieferanten aus aller Welt für die komplexe Technik stehen bei ihm Schlange. Doch ganz oben auf seiner Liste finden sich die Haus- und Hoflieferanten der bundesdeutschen Telekom: der Münchner Elektronikgigant Siemens und die Stuttgarter SEL, Tochter des französischen Telephon-Konzerns Alcatel. Die Rivalen feilschen um jeden Auftrag. Am Ende werden sich die beiden das lukrative Geschäft wohl teilen können. Denn die Technik soll so beschaffen sein, daß das neue Netz der DDR nahtlos mit der bundesdeutschen Infrastruktur verknüpft werden kann.