Von Armin Guhl

Hamburg

Es ist gutgegangen." Erschöpft, aber sichtlich erleichtert verkündete Hamburgs Justizsenator Wolfgang Curilla am Freitag vergangener Woche das unblutige Ende der Gefängnisrevolte in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel. Fünf Tage lang hatten zeitweise über 250 Häftlinge den Gefängnishof und 20 das Dach der als besonders freizügig geltenden Anstalt besetzt und somit eine erneute Diskussion über die Zukunft des liberalen Strafvollzugs ausgelöst.

Was bei sommerlichen Temperaturen zunächst wie ein harmloser Sitzstreik aussah, drohte am Ende zu eskalieren: Während die meisten der rund 530 Gefangenen bereits freiwillig in ihre Zellen zurückgekehrt waren, verschanzten sich 50 Meuterer auf der fünften Ebene der Anstalt. Dort demontierten sie mehrere Gittertüren und warfen Essensreste und Geschirr gegen den Kontrollraum der Beamten. "Es sah so aus, als ob nicht einmal mehr die Zentrale gehalten werden könnte", beschreibt Curilla die "außerordentlich schwierige" Lage. Es dauerte vier Stunden, bis achtzig mit Schlagstöcken bewaffnete Strafvollzugsbeamte die gefährliche Situation unter Kontrolle hatten. Während dieser Zeit stand die Zukunft des Hamburger Modells auf Messers Schneide. Denn mehrfach hatte Curilla Konsequenzen für den liberalen Strafvollzug angedroht, falls es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommen sollte.

Seit fast zwanzig Jahren gilt Fuhlsbüttel unter Kennern als Deutschlands liberalster Knast. Unter dem Motto: "Größtmögliche Sicherheit nach außen bei größtmöglicher Freiheit nach innen" werden Gefangene gezielt auf die Zeit nach der Haft vorbereitet. Während in den meisten Gefängnissen der Bundesrepublik zu Beginn der siebziger Jahre noch die Zuchthausmentalität herrschte, setzte sich der langjährige Anstaltsleiter Heinz-Dietrich Stark damals bereits für einen menschlicheren Umgang mit den Gefangenen ein. Nicht Sühne, sondern Resozialisierung müsse die Aufgabe des Strafvollzugs sein, befand Stark. Die Insassen von Santa Fu dürfen ihre Zellen mit Teppichen, Gardinen, Blumen und eigenen Möbeln einrichten. Während der arbeitsfreien Zeit können sie sich tagsüber im gesamten Haus und auf dem Hof frei bewegen. Kulturveranstaltungen, wie Theateraufführungen und Sportfeste, zu denen auch Gäste von draußen eingeladen sind, sorgen für Abwechslung. Besuch, Post und Telephonate werden von der Anstaltsleitung großzügig geregelt. Eine freigewählte Interessenvertretung setzt sich seit 1972 für die Wünsche und Forderungen der Gefangenen ein. Auch bei der Gewährung von Freigängen und Beurlaubungen verfährt die Anstaltsleitung großzügiger als im Bundesdurchschnitt.

Häufig übernahm Fuhlsbüttel die Vorreiterrolle. Seit zehn Jahren hat zum Beispiel fast jeder Häftling einen eigenen Fernseher – ein sehr mutiger Entschluß der Anstaltsleitung, der sich inzwischen jedoch längst bewährt hat. Bereits kurz nach der Einführung des Einzelfernsehens schrieben zwei Häftlinge der damaligen Justizsenatorin Eva Leithäuser, daß es nun viel seltener zu Streitereien zwischen den Gefangenen komme. "Sogar die innerbetriebliche Ruhe und Ordnung hat nur gewonnen, es kommt kaum noch zu Selbstmordversuchen, nur selten noch dreht mal einer durch, was früher fast an der Tagesordnung war." Nach einem Bericht des Fernsehmagazins Report über hungernde und kranke Kinder sammelten die angeblich so harten Jungs Spenden. "Wenn man wie wir genug zu fressen hat, dann geniert man sich, solche Bilder zu sehen", sagte einer. Sie brachten 1500 Mark zusammen – bei einem Tagesverdienst von fünf Mark eine beeindruckende Summe.

An Pannen und Rückschlägen hat es in den vergangenen achtzehn Jahren nicht gefehlt. Wer geglaubt hat, liberale Ideen könnten Menschen von Grund auf ändern, sah sich des öfteren getäuscht. Zu den Hauptproblemen gehört heute der Drogenkonsum in der Anstalt. Als Ende des vergangenen Jahres der erste Drogentote in Santa Fu gemeldet wurde, konnte auch die Justizbehörde das Problem nicht länger ignorieren. Die Insassenvertretung schätzt die Zahl der Abhängigen von harten Drogen auf mindestens fünfzig. Die Justizbehörde will nun verstärkt die Ersatzdroge Methadon ausgeben. Zudem plant der Senator eine vom übrigen Gefängnis abgeschlossene Station mit therapeutischen Wohngemeinschaften für ehemals drogenabhängige Gefangene.