Von Willi Jasper

Berlin

Berlin, das ist nur eine Idee, eine Legende. In Wirklichkeit gibt es Berlin nicht", so beschrieb der französische Photograph Alain Fleig die Stadt, als sie noch geteilt war. Nach dem Fall der Mauer und der Rekonstituierung der alten Mitte ist der Blick plötzlich wieder frei für die historische Topographie des Terrors: Das Trümmerareal des "Führerbunkers" an der ehemaligen Wilhelmstraße und die Ruine der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße finden sich in beklemmender symbolischer und räumlicher Nähe.

Die Geschichte hat der Stadt Wunden geschlagen, die so schnell nicht heilen können. Einer an der Ruine angebrachten Gedenktafel zufolge soll der Synagogen-Komplex "für alle Zeiten eine Stätte der Mahnung und Erinnerung bleiben". Neben der Ruine, in dem unauffälligen Haus Nummer 28, hat die Stiftung "Neue Synagoge – Centrum Judaicum" ihren Sitz. Sie teilt sich den Trakt mit der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde und einer Fachbibliothek für Judaica mit etwa 5000 Bänden. Das Projekt für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge als Centrum Judaicum ist eine der wenigen kulturpolitischen Initiativen der Honecker-Ära, die auch von der neuen DDR-Regierung unterstützt werden.

Nach längeren Verhandlungen waren die damalige Staatsführung und das Präsidium des Verbandes der Jüdischen Gemeinden übereingekommen, eine Stiftung zu schaffen und ein internationales Kuratorium zu gründen. Da das Zivilgesetzbuch der DDR keine Stiftungen vorsah, mußte der Ministerrat eine entsprechende Sonderverordnung erlassen, die den "Zweck der Stiftung" unter anderem darin sieht, "das Wirken jüdischer Bürger in der deutschen Geschichte zu würdigen". Der "Wiederaufbau der Neuen Synagoge" soll als "Ensemble" erfolgen, "das das Centrum Judaicum und das Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde Berlin umfaßt".

Die von Chefkonservator Peter Goralczyk geprägte Formel "soviel wie nötig rekonstruieren, so gut wie möglich restaurieren" versucht die widersprüchlichen Konzeptionen unter einen Hut zu bringen. Nach wie vor gibt es die Meinung, daß der Bau in seiner originalen Gestalt wiederhergestellt werden müsse, und zwar komplett. Dagegen steht die Auffassung, jeglicher Eingriff sei ein Sakrileg, die Ruine müsse unberührt als Mahnmal erhalten bleiben.

Das Bild von der brennenden Synagoge ist als historisches Dokument um die Welt gegangen, in kaum einem Buch über die NS-Zeit fehlt es. Das Bild stammt allerdings nicht aus der Pogromnacht von 1938, wie in der Regel angenommen, sondern wurde nach einem Bombenangriff im Februar 1943 aufgenommen. Im November 1938 erlitt die Synagoge nur vergleichsweise geringfügige Schäden, dank des beherzten Eingreifens des Vorstehers des zuständigen Polizeireviers am Hackeschen Markt.