Von Gerhard Seehase

Wir waren ihm alle hörig", sagte der Verteidiger Jupp Posipal. "Er hätte uns nachts aus dem Bett holen können, und wir wären brav zum Training marschiert." "Er", das war der "Chef", Sepp Herberger. Mit ihm als Bundestrainer gewann die deutsche Mannschaft 1954 in der Schweiz sensationell die Weltmeisterschaft.

Zwölf Jahre später, bei der WM 1966 in England, sagte Willi Schulz, der Abwehrrecke im Team der Deutschen, über seinen damaligen Bundestrainer Helmut Schön: "Den Langen ziehen wir mit durch." Wiederum mehr als ein Jahrzehnt danach – die deutsche Mannschaft war 1982 in Spanien Vize-Weltmeister geworden – nannte der Spieler Paul Breitner seinen Bundestrainer Jupp Derwall ungestraft einen "Linkmichel". So änderten sich die Zeiten.

Sepp Herberger, der Autoritäre, der es noch mit Spielern zu tun hatte, die, so kurz nach dem Krieg, das Gehorchen nicht verlernt hatten; Helmut Schön, der Sensible, der sich nach einem unglücklich verlaufenen Spiel am liebsten in ein Kämmerlein verkroch; Jupp Derwall, die rheinische Frohnatur, mit dem unwiderstehlichen Hang, das Gute im Menschen zu sehen; schließlich Franz Beckenbauer, der beherrschte Profi, der es verabscheut, während eines Spiels auf der Bank am Spielfeldrand Platz zu nehmen, der lieber danebensteht, wie zur Salzsäule erstarrt, und ahnen läßt, wie sehr er leiden muß, daß seine Spieler den Ball nicht annähernd so gut beherrschen wie er selber damals in seiner aktiven Zeit – vier "Bundestrainer", vier Generationen, vier Temperamente.

Die Trainer, ob im Klub oder in der Nationalmannschaft, sind die Seele des Fußballgeschäfts. Ohne sie läuft nichts. Doch nicht selten ist es ein undankbares Geschäft, denn man mißt ihre Arbeit nicht nach ihrer Qualität, sondern nach ihrem unmittelbaren Erfolg. Wehe dem Trainer, und sei er noch so qualifiziert, der diesen Erfolg nicht sofort hat!

Kein Erfolgsrezept gilt für alle Zeiten, die Methoden müssen sich veränderten Bedingungen anpassen, und fast nirgendwo ändert sich die Situation so rasch wie beim Fußball. Gefragt ist die glückliche Hand, und in dieser Hinsicht ist, rückblickend gesehen, der Deutsche Fußballbund bei der Auswahl seiner "Bundestrainer" seit Herbergers Zeiten bemerkenswert gut bedient gewesen. Fast jeder Name steht für eine Ära.

Als Sepp Herberger nach dem Krieg eine neue Nationalmannschaft aufbaute, mußte er seine Spieler aus einem in vier Oberliga-Klassen zersplitterten Fußballhaus zusammensuchen. Damit hatte er es schwerer als seine Nachfolger, die von der Bundesliga profitierten. Leichter hatte er es, weil ihm damals noch keine der Trainer-Autorität sich widersetzenden Profis entgegentraten. Das größte Plus des "Chefs" war allerdings, daß er mit Fritz Walter einen Spieler hatte, dem er seine taktischen Vorstellungen bedenkenlos anvertrauen konnte. Es hat später nie mehr einen Spielmacher gegeben, der die Gedanken seines Trainers so präzise auf das Spielfeld zu übertragen vermochte wie Fritz Walter. Es war das am besten funktionierende Gespann, das der deutsche Fußball je hatte; im Herbergerschen Management hatte Fritz Walter die Prokura auf dem Platz. Herberger konnte auf diese Weise auch als Trainer stets "mitspielen".