Von Friedhelm Gröteke

Wenn der Schiedsrichter am 8. Juli – einen Monat nach dem Beginn der Fußballweltmeisterschaften – im römischen Olympiastadion den Schlußpfiff im Endspiel, der finalissima, ertönen läßt, dann wird gleichzeitig auch die Schlußbilanz für das Geschäft der diesmal von Italien organisierten mondiali gezogen. Halt! Noch nicht ganz. Denn erst wird noch rasch der "historische" Rasen des Stadions in 306 000 Stücke geteilt und paketweise für insgesamt 36,5 Millionen Mark an die Fans aus aller Welt verkauft. Schließlich haben die Römer vom Abbruch der Berliner Mauer gelernt, wie sich Erinnerungen professioneller vermarkten lassen.

Aus dem internationalen Wettbewerb mit 52 Ausscheidungsspielen ist längst eine gigantische Industrie geworden, die Milliardenbeträge in Bewegung setzt. Freilich werden längst nicht alle daran verdienen. Die propagandistische Überschätzung der Weltmeisterschaften als sensationelles Ereignis droht vor allem auf die Touristik kontraproduktiv zu wirken. So rechnete der italienische Minister für Fremdenverkehr und Schauspiel, Franco Carraro, bei der Planung der notwendigen Investitionen im Jahre 1987 mit acht Millionen zusätzlichen Touristen aus dem Ausland. Inzwischen wäre sein Nachfolger bereits froh, wenn eine halbe Million Fußballfans über die Grenzen strömten.

Dabei hätte sich die Regierung nur die Fremdenverkehrsstatistiken für die beiden Weltmeisterschaften in Mexiko und Spanien ansehen brauchen, rügt Giovanni Colombo, Präsident des italienischen Hotelverbandes. Dann hätte sie ins Kalkül ziehen können, daß 1982 nur 317 000 Touristen nach Spanien und vier Jahre später 427 000 Fußballfans nach Mexiko kamen.

Nach den Ermittlungen des Hotelverbandes und einer Umfrage des Bologneser Befragungsinstituts Econstat auf dem deutschen und britischen Markt wird die Meisterschaft, was den Zustrom von devisenbringenden Touristen betrifft, voraussichtlich wie das Hornberger Schießen enden. Der Econstat-Umfrage zufolge treffen neunzig Prozent aller Deutschen die Vorbereitungen für einen geplanten Italienurlaub unabhängig davon, ob dort die Fußballweltmeisterschaften stattfinden oder nicht. Zwei Prozent fahren extra deswegen hin, drei Prozent legen ihren Urlaub so, daß er mit dem Ereignis zusammenfällt. Fünf Prozent aber wollen lieber das Chaos vermeiden und verlegen deshalb ihre ursprünglich vor der Hauptsaison geplante Italienreise auf August und September. Diejenigen, die den Fußball als störend für ihren Urlaub empfinden und ihr Marktverhalten ändern, sind wahrscheinlich die Devisenbringer.

Aber auch die Fußballfans spielen nicht so mit wie erhofft. Der Hotelverband hatte sich verpflichtet, in den zwölf Städten der Meisterschaft insgesamt 8812 Hotelzimmer für 264 360 Übernachtungen während der dreißig Spieltage freizuhalten. Bis zum Stichtag 20. April wurden nur 36 Prozent der reservierten Kapazität bestellt. Der Hotelverband attackiert nun die Gesellschaft ’90 Tour und das Organisationskomitee, das dieser Gesellschaft ein Monopol für die Paketbuchungen übertragen hat. Die ’90 Tour ist eine gemeinsame Tochtergesellschaft der italienischen Staatseisenbahn und der nationalen Fluggesellschaft Alitalia. Der "Paketpreis" von durchschnittlich 800 bis 900 Mark für 110 000 Auslandsgäste bei durchschnittlich einer Woche Aufenthaltsdauer erschien vielen Fans reichlich hoch.

Freilich kosten allein die besten Eintrittskarten für die fünf Spiele im Mailänder Stadion San Siro 850 Mark. Selbst für die dritte, vorletzte Sitzplatzkategorie, von der aus die Spieler nur noch wie kleine Punkte erscheinen, sind 300 Mark fällig. In Mailand spielt die deutsche Mannschaft. Bari und Turin sind noch teurer.