Also, ich sehe Ihre Zukunft weit rosiger als Sie", sagte der Vertreter des namhaften Marktforschungsinstituts. "Warum lassen Sie nur so den Kopf hängen?" – "Weil es immer mehr Anwälte gibt", sagte der Anwalt. "Und weil wir bald nicht mehr wissen, wovon unsere Kollegen eines Tages leben sollen." – "Vom Streiten natürlich", sagte der Marktforscher. "Wovon denn sonst?" – "Aber man kann doch nicht unbegrenzt miteinander streiten", sagte der Anwalt. "Da irren Sie sich aber gewaltig", sagte der Marktforscher. "Sie haben den Streitmarkt ja noch längst nicht ausgeschöpft."

Man saß in kleiner Runde zusammen, weil die Anwaltschaft den Rat des Instituts suchte. Zu groß war die Unruhe in diesem Beruf längst geworden, angesichts des ständig anschwellenden Zustroms und der neuen Konkurrenz aus Europa. Existenzangst ging um in Anwaltskreisen. Und so setzte man jetzt viel Hoffnung in den Marktforscher, der schon ganz anderen Branchen auf die Sprünge geholfen hatte.

"Der Streitmarkt", sagte der Mann vom Institut jetzt wieder, "ist einer der Märkte, wo noch manche Expansion drin ist. Sehen Sie, eine Familie braucht nur eine Waschmaschine und nur ein Auto oder vielleicht zwei. Aber Prozesse – Prozesse kann man unzählige führen." Der Anwalt sah ihn fragend an. "Also", sagte der Mann vom Institut und blätterte in einem Zahlenwerk. "Bisher wird jede dritte Ehe geschieden. Was sagt uns diese Zahl?" – "Daß es ein Risiko ist zu heiraten", sagte der Anwalt ein wenig voreilig. "Das auch", sagte der Mann vom Institut, "aber aus der Sicht des Marktforschers bedeutet es vor allem, daß zwei Drittel aller Ehen Bestand haben. Welch ein lockender Markt!" – "Sie meinen...?" sagte der Anwalt und sah den Mann vom Institut mit großen Augen an. "Genau das meine ich", sagte der. "Diese zwei Drittel intakter Ehen – da muß sich doch was machen lassen."

Er nahm einen anderen Aktenordner zur Hand. "Oder nehmen wir mal die Mietverhältnisse. Da sind zwar die Streitigkeiten erfreulich gestiegen, aber noch immer gibt es unzählige Fälle, wo man einträchtig unter einem Dach zusammenlebt. Wenn das’Ihnen nicht zu denken gibt?" Der Anwalt sah betreten vor sich hin, als würden ihm die Versäumnisse der Vergangenheit allmählich bewußt. "Und welch fabelhaftes Streitpotential bietet allein das Nachbarrecht. Aber noch immer sind manche Nachbarn bereit, sich so alles mögliche bieten zu lassen." – "Samenflug...", warf der Anwalt jetzt zaghaft ein, damit er auch einmal zu Worte käme. "Zum Beispiel Samenflug", antwortete der Marktforscher und schwenkte ein Urteil in der Hand, das jemand ihm herausgelegt hatte. "Was wird da an Blättern und Blüten nicht alles widerspruchslos hingenommen, wenn es über den Zaun weht. Ganz zu schweigen von so manchen Tiergeräuschen, die immer noch zu selbstverständlich akzeptiert werden."

Der Mann vom Institut sah jetzt den Anwalt vorwurfsvoll an. "Dabei haben Sie doch eine so einmalige Werbemöglichkeit für Ihren Streitmarkt." – "Aber wir dürfen doch gerade nicht werben", sagte der Anwalt. "Brauchen Sie doch auch gar nicht", rief der Mann vom Institut. "Dafür haben Sie doch die Gerichte. Froschquaken, Papageienschreie, Hundegebell: Man liest doch dauernd in Urteilen, wann das alles unzumutbar ist. Und doch lassen sich viele noch vieles zumuten."

"Aber", sagte der Anwalt, dem das Gespräch nun doch allmählich mulmig wurde, "wir sind doch Organe der Rechtspflege, und da können wir doch nicht so einfach ..." – "Eben", rief der Mann vom Institut triumphierend, "deswegen ja. Gerade als Organe der Rechtspflege sind Sie doch verpflichtet, sich um jeden Krümel Recht zu kümmern." Und während eine Sekretärin jetzt die Kaffeetassen nachfüllte, geriet er ins Schwärmen, froh darüber, endlich den allgemeinen Aspekt des Themas in den Blick zu bekommen. "Warum ist denn die Welt so, wie sie ist? Weil nicht jeder sein Recht ganz ausschöpft. Und so wird das Recht immer Schlagseite haben. Aber denken Sie nur einmal, wie es sein könnte, wenn jeder sein Recht bis zur Neige ausschöpft: Wie gerecht könnte die Welt dann endlich werden!" Er stellte seine Tasse auf den Tisch zurück, weil sie in seiner Hand schwankte, mit der er seine Worte unterstrich. "Sie halten den Schlüssel in der Hand. Wenn fünfzig-, sechzig-, siebzigtausend Anwälte auch die entlegensten Rechtsprobleme aufscheuchen wie die Hasen bei der Treibjagd, wenn sie für ihre Mandanten streiten, ohne sich feige zu vergleichen, wenn sie jede schlaffe Harmonie vor das helle Licht eines Anspruchs halten, welches Training für das Zusammenleben, welche Belebung der Streitkultur, welcher Triumph der Gerechtigkeit." – "Aber eigentlich ...", sagte der Anwalt zögernd. Doch der Mann vom Institut war nun endgültig in Fahrt: "Erst wenn wir einen Baum nicht mehr nur so einfach als Baum hinnehmen, sondern prüfen, ob der Grenzabstand auch stimmt, wenn wir in der Frau, die wir heute lieben, die Prozeßgegnerin von morgen sehen, wenn wir uns auf Schritt und Tritt fragen, ob der andere wirklich so leben darf, wie er lebt, und so sterben darf, wie er stirbt, dann wird es besser um die Idee der Gerechtigkeit bestellt sein." – "Und", fügte er nach einer bedeutungsvollen Pause hinzu, "um das Einkommen der Anwälte."

"Eigentlich", sagte der Anwalt jetzt entschieden, "eigentlich wollten wir ganz im Gegenteil unsere Hoffnung mehr auf Streitvermeidung setzen. Also die Mandanten beraten, wie sie friedlich miteinander leben, wie sie Prozessen aus dem Weg gehen können. Gibt es denn da nicht einen Markt?"

Der Mann vom Institut sah einen Augenblick ganz verblüfft drein, erholte sich aber bald von dieser unerwarteten Gesprächswendung. "Darüber müßte ich jetzt erst neu nachdenken", sagte er dann. "Allerdings werden, wie Sie verstehen, auch neue Marktanalysen notwendig. Das kostet natürlich Geld. Sie müßten da erst einmal einen neuen Kostenvorschuß zahlen." – "Neuen Vorschuß?" sagte der Anwalt, "ich glaube, ich höre nicht recht. Wir glauben nämlich, daß Ihre bisherigen Forderungen schon zu hoch waren." – "Sie wollen doch wohl nicht mit mir streiten", sagte der Mann vom Marktinstitut jetzt mit drohendem Unterton. "Doch", sagte der Anwalt, der nun unversehens in seinem Element war. "Wenn Ihnen das Honorar nicht langt, dann streiten wir eben!" – "Gut", sagte der Mann vom Institut, "Sie hören von meinem Anwalt."