Von Paul Moor

Er war gerade zweiunddreißig, als er dazu bestimmt schien, in die Fußstapfen seines weltberühmten Vaters, des Geigers Jan Kubelík, zu treten und zur beherrschenden musikalischen Figur seiner tschechoslowakischen Heimat aufzusteigen: 1946 war Rafael Kubelík Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie geworden, eines der wichtigsten Orchester der Welt, damals, und er hatte zudem, ein Jahr nur nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den "Prager Frühling" gründen geholfen, bis heute eines der markantesten Festivals nicht nur dieses Kontinents. Zwei Jahre später jedoch "ging" Rafael Kubelík – und es sollten 42 Exil-Jahre daraus werden.

So mußte seine Rückkehr jetzt – noch dazu am Todestag Bedřich Smetanas, erst recht, als er dessen sechsteiligen Zyklus sinfonischer Dichtungen "Mein Vaterland" dirigierte – zu einem außerordentlichen emotionalen Ereignis werden. Wir wissen ja, daß Musik oft genug Zuhörer zu Tränen rührt; aber als an diesem Abend die tschechische und die slowakische Nationalhymne erklangen – Präsident Václav Havel saß mit seiner Frau in der Ehrenloge –, mußten viele im Parkett, aber auch mancher etwas härter gesottene Orchestermusiker sich verstohlen das Wasser aus den Augen wischen.

Kubelík dirigierte "seine" Tschechische Philharmonie – aber da war kaum mehr jemand aus seinem früheren Ensemble, der noch den alten "Chef" gekannt hätte. Denn in der Tat sind ja zwei Musiker-Generationen aufgewachsen, die so gut wie nie seinen Namen hörten. Er indes hat diese Musik sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen, und da ihm das Orchester willig folgte, klang selbst die "Moldau" frisch, neu, lebendig, sprühend.

Zweiter Aspekt des diesjährigen Festivals: Vor hundert Jahren wurde Bohuslav Martinu geboren – Anlaß genug, eine ganze Folge seiner sinfonischen Werke aufs Programm zu setzen, seine sämtlichen Opern aufzuführen und drei Tage lang einen internationalen Musikologen-Kongreß zu veranstalten. Das brachte, gewissermaßen als Antwort auf die "friedliche Oktober-Revolution" und deren politische Reformbewegungen, zwei weitere Glanzlichter des internationalen Musiklebens zum ersten Mal seit dem kommunistischen Umsturz nach Prag: den tschechischen Pianisten Rudolf Firkusny und Leonard Bernstein, der sich spontan entschloß, wie letztes Jahr zu Weihnachten in West- und Ost-Berlin, Beethovens Neunte Sinfonie zu dirigieren.

Verständlich, daß der diesjährige "Prager Frühling" unter einer gewissen Hektik litt. Die Geldinstitute erhalten jeden Freitagmorgen neue Wechselkurse – als jetzt das Festival begann, mußte der Preis einiger Eintrittskarten um fast hundert Prozent erhöht werden. Auch im politischen Hintergrund des so lebhaften tschechoslowakischen Musiklebens nahm einiges regelrecht byzantiniscie Formen an.

So explodierte jemand aus der Generation von Kubelik voller Empörung, als sich herausstellte, daß der Musikwissenschaftler Jaroslav Jiränek als einer der beiden Präsidenten beim Martinu-Kongreß fungieren sollte. Vor Jahren, als der Komponistenverband Martinu drängte, doch wenigstens einmal zu einem Besuch in seine Heimat zurückzukehren, habe Jiränek, so wird berichtet, die gegen diesen Besuch eingestellte linientreue Gruppe angeführt, die alles so wenig einladend machte, daß der Verbannte lieber blieb, wo er war – bis zu seinem Tode im Jahre 1959. Von denen, die alle Details kennen, leben nicht mehr viele. Aber eine andere, jüngere Quelle berichtet über Jiránek und, als konsequente Folge, über die generele künstlerische und intellektuelle Situation in der Tschechoslowakei: "Jiränek war damals ein gefürchteten Partei-Ideologe. Er ist meiner Ansicht nach das größte Chamäleon, das ich im Komponistenverband kennengelernt habe. Denn früher war er der beste Stalinist in seinen Reihen: Was immer in der Zeitung stand, was Stalin und später die anderen sagten – für ihn war es wie ein Satz aus der Bibel. Ich habe -zig solcher Reden von ihm anhören müssen. Er war der Indoktrinär des Verbandes – immer der erste, der in die Sowjetunion gefahren ist; derjenige, der immer gepredigt hat, was Jarastowskij ihm nach dem Essen gesagt hat und so weiter. Jiränek war allerdings auch der erste, der sich in den siebziger Jahren, also nach dem sowjetischen Einmarsch, .gewendet’ hat, der alles kritisierte – was denn auch zu seinem Ausschluß aus der Partei führte und zu seiner, wenn man so sagen will, beruflichen Verfolgung, wenngleich die auch keine ernsten Konsequenzen hatte: Er war zwar in der Akademie der Wissenschaften, aber er durfte nicht publizieren." Und weiter sagt die Quelle: "Schau auf unseren Ministerpräsidenten, den alle Leute sehr gern haben – vor einem halben Jahr war er noch Kommunist. Er ist in die Regierung eingetreten als Kommunist, und wir kannten ihn als kommunistischen Leiter der Legislative, der alle Gesetze gemacht hat, die den beiden letzten Regierungen vor dem Siebzehnten Oktober gedient haben. Heute ist er Mitglied des Bürgerforums in der Slowakei, und Havel sagt: ‚Er ist ein anständiger Mensch.‘ Wo soll man den Maßstab anlegen?"