Präsident Bush setzt weiter auf den Reformer Gorbatschow

Von Dieter Buhl

Washington, im Juni

Die Sprecher des Weißen Hauses zeichnen sich ausländischen Journalisten gegenüber für gewöhnlich weder durch Entgegenkommen noch durch Geduld aus. Schon aus Angst, womöglich eine Neuigkeit zu verraten, mehr aber noch wegen ihres Desinteresses an den Fremden sparen sie mit Auskünften. Weil sich die Interpreten des Präsidenten meistens nur zu hastigen Erklärungen ohne Substanz herablassen, kam die bestimmt vorgetragene Botschaft als Überraschung: "Was wollen Sie denn", meinte ein "höherer Offizieller", wie die Auskunftspersonen in überdrehter Diskretion genannt werden möchten, "Gorbatschow hat doch erklärt, die Entscheidung sei Sache der Deutschen." Seine Erleichterung darüber, daß er zum Schluß des Gipfels ein so klares Urteil zum Stand der Debatte über Deutschland und die Bündnisfrage abgeben könnte, war nicht zu übersehen.

Wenn es so einfach wäre! Wie beinahe alle Ereignisse dieser Art produzierte auch die Washingtoner Begegnung mindestens ebenso viele Fragen wie Antworten. War dies nun der "Frühlingsgipfel" in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, der zuvor angekündigt worden war? Markierte er jenes definitive Ende des Kalten Krieges, das vorauseilende Kommentatoren prophezeit hatten? All die Gesten, Symbole, Fernsehinszenierungen erschwerten auch diesmal wieder den Blick auf die Resultate. Die Überzeugungsmaschinen beider Seiten liefen auf vollen Touren, obwohl doch die in vielerlei Dokumenten festgeschriebene Annäherung als Erfolgsnachweis hätte ausreichen müssen.

Mit sechzehn Verträgen, Absichtserklärungen und Übereinkünften hat das Treffen am Potomac einen handfesten Ertrag erbracht wie zuvor nur die Gipfel während der Hochzeit der Entspannung Anfang der siebziger Jahre. Nicht jedes dieser Papiere wird das Verhältnis zwischen den Supermächten oder gar den Zustand der Welt verändern. Aber der Frieden hat Fortschritte gemacht.

Allein die Übereinkunft über die dramatische Reduzierung der Chemiewaffen, um die seit Jahren gerungen wurde, war das Treffen in Washington wert. Gerade weil die Abrüstungsvorsätze oft in Details steckenbleiben, zählt erst, was unterschrieben ist. Bei den komplizierten Bemühungen um die Verminderung der strategischen Arsenale hingegen gelang auch in Washington nur ein Ansatz zum Durchbruch. Zwar einigten sich beide Seiten auf eine Untergrenze bei den mobilen Raketen; auch versprachen sie ein Ende des Verhandlungsmarathons noch in diesem Jahr. Aber als Hürden bleiben die Differenzen über die Reichweiten der sowjetischen Backfire-Bomber und über die Regeln für die Kontrollen an Ort und Stelle. Die beiden Präsidenten wollen auch die konventionelle Abrüstung in Europa beschleunigen. Doch die gemeinsame Absicht, die Wiener Verhandlungen in jedem Fall vor dem KSZE-Gipfel im Herbst zu beenden, wird durch Moskaus Wunsch erschwert, gleichzeitig das deutsche Sicherheitsproblem zu regeln.