Von Ralf Dahrendorf

Zu Recht gilt das Fragment des Archilochos als "dunkel": "Der Fuchs weiß viele Sachen, aber der Igel weiß eine große Sache." Isaiah Berlin hat die Dichotomie zum Hebel seiner schönen Tolstoj-Analyse gemacht; sie hat auch für den Jubilar Theo Sommer ihren Sinn. Als Journalist ist er dazu verdammt, ein Fuchs zu sein; er muß heute über China, morgen über die SPD und übermorgen über den Treibhaus-Effekt schreiben. Aber Sommer hat bei alledem eine große Sache zu seiner gemacht; sie heißt DIE ZEIT, und er kann stolz auf sein Werk sein.

Sommer hat viele, eigentlich alle seine Erfahrungen in die ZEIT eingebracht: von den Seminaren bei Rothfels in Tübingen im Kreise einer brillanten Generation von jungen Historikern der Zeit über die handwerkliche Lehre bei der schwäbischen Provinzzeitung zu den immer neuen Reisen, die er mit immer frischer Neugier antrat, zum "Sabbatjahr" von der ZEIT als Weißbuch-Verfasser im Verteidigungsministerium und zu den vielen Konferenzen, auf denen er als Teilnehmer oder als Chairman glänzt.

Theo Sommer hat die ZEIT nicht erfunden, aber in ihrer heutigen Gestalt ist sie in nicht geringem Maße sein Werk. Er beherrscht sie als Meister seines Fachs; er hat aber auch ihre Position in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik geprägt. Sommer gehört ganz in die Generation der Bundesrepublikaner; nicht zufällig ist ihm die Geschichte des letzten Jahres eher schwergefallen.

Für diese Generation war die Bundesrepublik eigentlich genug Deutschland. Die Ostpolitik gehörte gewiß dazu, aber auch die Nato und die Einbettung in einen Westen, dem noch Mitteleuropa eher fremd ist. Dazu kam ein Schuß innenpolitischer Reformfreude, von Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen" bis zu den grünen Themen der Gegenwart. Der gelegentliche Ärger über amerikanische Präsidenten oder auch deutsche Parteiführer änderte doch nichts an einer zugleich’fest verankerten und veränderungswilligen Position.

Dahinter steckte für Theo Sommer immer der Poppersche Glaube an die offene Gesellschaft? Wir versuchen, Lösungen zu finden; wir irren; wir machen neue Versuche. Manchmal, wenn sich keine Lösung wirklich anbietet, werden mehrere vorgeschlagen. Es gab Bundestagswahlen, bei denen die ZEIT zwei, ja drei Parteien empfohlen hat, und zwar nicht nur aus Schwäche, sondern aus tiefer Abneigung gegen idiosynkratische Entscheidungen, wenn es an klaren Gründen für eine Richtung fehlt. Auch das ist Sommers Haltung.

Die ZEIT argumentiert, ausgiebig und gründlich. Da erlaubt der Chefredakteur keine Schleichwege und Abkürzungen. Sommer selbst argumentiert, mit dem Leser und immer auch mit sich selbst. Da ist er dann wieder "Fuchs", in Isaiah Berlins Sinn "zentrifugal", mit vielen Gedanken auf mehreren Ebenen, "das Wesen einer großen Menge von Erfahrungen und Themen in ihrem eigenen Recht ergreifend, ohne bewußt oder unbewußt zu versuchen, sie in ein unveränderliches, allumfassendes Schema einzupassen".