Trotz der Bremsversuche der Bundesbank nimmt die Europäische Währungsunion Konturen an

Von Thomas Hanke

In sieben Jahren führt die Europäische Gemeinschaft eine einheitliche Währung ein. Ob britisches Pfund oder holländischer Gulden, ob italienische Lira oder D-Mark – alle existierenden EG-Währungen werden auf einen Schlag abgeschafft und durch die Europäische Währungseinheit Ecu ersetzt. Ob man dies nun für ein Horrorszenario oder für eine konkrete Utopie hält, es sind ernsthafte Leute, die diesen reichlich gewagten Zeitplan aufgestellt haben: In der "Vereinigung für die europäische Währungsunion" arbeiten Vertreter von Großunternehmen wie Fiat, Volkswagen und Philips mit Politikern wie Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt zusammen. Sie haben den Segen des Präsidenten der EG-Kommission, Jacques Delors, dem die hochkarätige Unterstützung für den Ecu als EG-Währung nur recht sein kann.

Obgleich vom Zeithorizont her nicht realistisch, ist die Botschaft der Ecu-Missionare nicht ohne realen Hintergrund zustande gekommen. Die Regierungskonferenz der Gemeinschaft über die Einrichtung einer Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) beginnt im Dezember. Schon jetzt werden die Ausgangspositionen für dieses größte Reformvorhaben der EG abgesteckt. Und es ist unverkennbar, daß die WWU sich von der Utopie zur Wirklichkeit mausert.

Vom Währungsausschuß, dem die Finanzstaatssekretäre und die Vizepräsidenten der Zentralbanken angehören, über den Ausschuß der Zentralbankgouverneure bis zur EG-Kommission und die Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten in Brüssel – überall sitzen nun Finanzexperten und Diplomaten an vorbereitenden Dokumenten für die Konferenz. Was sie in der Vorbereitungsphase verwarfen, hat auch bei der Regierungskonferenz kaum noch eine Chance; was als Konsens festgehalten wird, kann auch die Konferenz nur schwerlich ignorieren. Wenn die Finanzminister in der kommenden Woche in Luxemburg zusammentreffen, dann wollen sie nach Möglichkeit schon erste Schlußfolgerungen erarbeiten, die sie dem EG-Gipfel am 25. und 26. Juni in Dublin vorlegen.

Gemessen an der Bedeutung der Vorbereitungsphase ist die öffentliche Diskussion zum Thema Europäische Währungsunion gerade in der Bundesrepublik unterentwickelt. Obwohl die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion ungleich größere Fragen aufwirft als die deutsche, ist sie zur Zeit nur ein Thema für Experten.

Emsig bei der Arbeit sind denn auch die Chefs der Notenbanken. Sie schaffen bereits die praktischen Grundlagen für die Union. Ein neues wissenschaftliches Sekretariat am Sitz der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) soll ihnen beim Versuch helfen, vom 1. Juli an das Wachstum der Geldmenge innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) stärker abzustimmen. Bislang teilen sich die am EWS teilnehmenden Notenbanken zwar vorab ihre Geldmengenziele mit, doch eine echte Koordinierung findet nicht statt. Der Versuch, dies in den kommenden Jahren zu leisten, ist die Generalprobe für eine europäische Geldpolitik – die wichtigste Aufgabe der künftigen EG-Zentralbank.