Nun, da die Urlaubszeit naht, heißt es darüber nachzudenken, wie wir den sonnigsten Wochen des Jahres einen Sinn geben können, wie es uns gelingen kann, nach mancherlei Alltagsverkrustung die Phantasie wieder frei floaten zu lassen.

Tauchen wir also beherzt ein ins Reich der Sinne, wenngleich nicht wahl- und zügellos, sondern – betont kreativ und frei für künstlerische Ambitionen. Öffnen wir uns der Offerte eines Ferienclubs, der einen Video- und Photo-Workshop zum Thema Erotik verheißt.

Zum "anspruchsvollen Thema Erotik", wie ausdrücklich vermerkt wird, damit das leise Knistern in diesem verfänglichen Wort nicht zu Mißverständnissen führt. Aber einer möglichen Fehlinterpretation steht ohnehin entgegen, daß Profis der Film- und Photobranche die Clubgäste anleiten sollen, eine glatte Absage also an jeden voyeuristischen Dilettantismus. Mehr noch: Die weiblichen und männlichen Models, die das "Spiel zwischen Körper und Phantasie" sinnfällig machen sollen, sind als Sieger eines "dazu ausgeschriebenen Wettbewerbs" hervorgegangen.

Werfen wir nun einen kurzen Blick ins Programm: Die "gegenseitige Bekanntmachung des Themas" steht am Beginn des anspruchsvollen Ferienvergnügens. Schon der zweite Tag ist der Aufgabenstellung "Erotik und Ambiente" gewidmet, wozu vermerkt wird: "Integration von Model und Umgebung sowie Bewegungsbilder (dies am Strand in Kombination zu Architektur etc.)." Mit Bedacht also wurde für dieses Unternehmen die Türkei mit ihrem reichen kulturellen Ambiente gewählt, wobei die Formulierung vermuten läßt, daß dort die Moscheen vorzugsweise am Meer liegen.

Didaktisch überzeugend heißt es für den dritten Tag: "Vermittlung von Erotik durch Detailaufnahmen – unterschiedliche Standorte." Wir verstehen: Mikrokosmos und Makrokosmos, das Große im Kleinen aufzeigen – ein künstlerisch sehr anspruchsvolles Unterfangen.

Vielleicht sollten wir noch die "Gestaltung einer Bildserie" sowie die "Ausarbeitung kurzer Episoden" erwähnen. Und daß weder für das Video- noch für das Photogerät eine Leihgebühr zu zahlen ist, denn, so wird versichert: "Die Philosophie ,wirklich alles inklusive’ schlägt auch hier voll durch." Und da "wirklich alles inklusive" fett gedruckt ist, kann am Ernst der Zusicherung kaum gezweifelt werden.

Wir, die wir mit Kritik nie zurückhielten, wenn es um die negativen Seiten des Ferienbetriebs ging, wir registrieren nun mit Freude, daß dem Touristen Gelegenheit geboten wird, sich zu einem Menschen von verfeinerter Lebensart zu entwickeln. Wer möchte heute noch glauben, daß es eine Zeit gab, da der Slogan "Sonne, Sand und Sex" als gängiges Synonym für dumpfderbe Urlaubsfreuden en vogue war? Nun aber gewinnt ein geläuterter Tourist Kontur. Auf dem Weg vom tumben Triebmenschen zum Esoteriker der Erotik wird er für immer vom Grapschen lassen, um sich den reinen Künsten zuzuwenden.

Wir scheuen uns nicht zu sagen, daß wir stolz sind auf diesen neuen Typ des "homo touristicus". Rosemarie Noack