Romane mit Fortsetzungen mag ich überhaupt nicht. Und schon gar nicht, wenn ich lange auf die zweite Folge warten muß. "Wind in den Straßen" allerdings wäre mir als Fortsetzung kaum aufgefallen, wenn ich seinen Vorgänger "Aufforderung zum Tanz" nicht gelesen hätte. So aber war ich ganz gespannt, wie’s denn nun "weitergeht". Olivia ist inzwischen verheiratet, lebt aber getrennt vom Gatten. Der Jugendfreund Rollo ist ebenfalls verheiratet, lebt nicht getrennt, ist aber nicht glücklich. Soll’s ja geben. Die beiden treffen sich zufällig nach vielen Jahren im Zug auf dem Weg in ihr Heimatdorf. Sie verlieben sich ineinander, wohl wissend, daß nichts draus werden kann. Eine Liebe, ein Leben des Versteckens beginnt. Diskretion Ehrensache. Trotzdem bekommt Rollos Mutter, Lady Spencer, Wind von der Sache. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Olivia ein Kind erwartet, verlangt sie die Trennung. Was wäre, wenn... Nein, nur keinen Skandal. Der Geliebte weilt grad in Schottland zur Jagd. Olivia verkauft eines seiner Geschenke, einen Smaragdring, damit sie die Abtreibung bezahlen kann. Beim nächsten gemeinsamen Wochenende auf dem Land erzählt sie ihm davon. Er ist erschüttert, traurig, ratlos – und erzählt ihr, daß seine Frau auch ein Kind von ihm erwartet. Olivia verläßt Rollo. Er fährt mit dem Auto zurück, erleidet einen schlimmen, aber nicht lebensgefährlichen Unfall. Ein letzter Besuch am Krankenbett. Ein letzter?

Rosamond Lehmann beschreibt das alles mit feiner englischer Zurückhaltung und großer Liebe zum Detail. Keine Nuance zuviel, kein Ausrutscher ins schwüle Milieu des Lore-Romans. Und es war im gewissen Sinn ihr Leben, das sich in ihren Büchern widerspiegelt. Zeitlebens war sie eine schöne Frau, zweimal verheiratet (jedesmal adelig) mit zahlreichen Affären. Als ihre Tochter Sally im Alter von zweiundzwanzig Jahren starb, wandte sich Rosamond Lehmann dem Spiritismus zu. Die Zeit ihrer Trauer beschrieb sie sehr einfühlsam in "Der Schwan am Abend".

Ihre schönsten Bücher schrieb die Autorin, die in ihrer Jugend zum Kreis um Virginia und Leonard Woolf gehörte, in den dreißiger Jahren. Erst in den achtziger Jahren erschienen sie in Deutschland und Frankreich. In einem Interview stellte Rosamond Lehmann deshalb ironisch fest, daß sie auf diese Weise bereits zu Lebzeiten zu posthumem Ruhm gelangt sei, und "You’re wrong – death is not the end": Am 12. März dieses Jahres ist sie gestorben. Meike Behrendt