Ein neues Handelsabkommen soll amerikanischen Firmen mehr Absatzchancen in der UdSSR bringen

Von Christian Tenbrock

Der Beifall der amerikanischen Geschäftswelt war Präsident George Bush gewiß, als er in der vergangenen Woche während des Washingtoner Gipfels mit Michail Gorbatschow seine Unterschrift unter ein Handelsabkommen mit der Sowjetunion setzte. Mit einem Federstrich beendete Bush entgegen allen Erwartungen fast fünf Jahrzehnte des kommerziellen Kalten Krieges. Er gab Amerikas Unternehmen damit ein psychologisch wichtiges Zeichen, sich auf einem der potentiell bedeutendsten Märkte der Welt engagieren zu können, befand Michael Johnson, für internationale Kooperation zuständiger Vizepräsident des Chicagoer Maschinen- und Chemieproduzenten FMC.

Ware gegen Ware

"Volle Unterstützung" für den Vertrag signalisierte auch Paul Allen, Sprecher des Unternehmens Eastman Kodak, das im Rahmen eines Konsortiums mit der Sowjetunion derzeit über die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen verhandelt, die Konsumprodukte, Bluttest- und Röntgengeräte sowie Drucker herstellen sollen. "Natürlich hoffen wir darauf, daß das Abkommen die wirtschaftlichen Kontakte verstärkt." Bisher hat der Vertrag nur symoblischen Wert, da noch unsicher ist, ob er die vom amerikanischen Kongreß gesetzten politischen Hürden nehmen kann. Für Firmen aus den Vereinigten Staaten könnte er dennoch neue Möglichkeiten eröffnen, in der Sowjetunion Fuß zu fassen. Nur einen Tag nach der Vertragszeremonie im Weißen Haus unterschrieb der Ölmulti Chevron in der sowjetischen Botschaft in Washington eine Vereinbarung, die ihm Explorations- und Produktionsrechte in der Sowjetrepublik Kasachstan sichert. Dieser Abschluß sei ein Beispiel für erweiterte Wirtschaftsbeziehungen, die der Handelsvertrag nun ermöglicht, kommentierten sowjetische und amerikanische Wirtschaftsvertreter das Ölgeschäft.

Fachleute wie der Ökonom und Sowjetexperte Ed Hewett von der Washingtoner Brookings-Institution rechnen allerdings nicht damit, daß der Vertrag dem Handel zwischen den beiden Großmächten kurzfristig großen Schub verleiht. Ware gegen Ware lautet angesichts des sowjetischen Mangels an harter Währung die Devise für die meisten Unternehmen – Pepsi-Cola beispielsweise tauscht seine Getränke gegen russischen Wodka. Gleichzeitig haben die Sowjets den Konsumenten in den Vereinigten Staaten bis auf hochprozentigen Alkohol, Pelze und Kaviar nicht viel zu bieten. Vier Fünftel aller Moskauer Exporte in die Vereinigten Staaten entfallen auf Öl, Gas und Gold. Langfristig aber gebe es "Chancen, den Handel auszubauen", erklärte der stellvertretende amerikanische Handelsbeauftragte Julius Katz.

Im vergangenen Jahr lag der gegenseitige Warenaustausch bei nur fünf Milliarden Dollar. Die Vereinigten Staaten lieferten bislang überwiegend Weizen in die UdSSR, aber Amerikas Unternehmen hoffen, daß mit Vereinbarungen zwischen den beiden Regierungen ihre Position im Kampf um Marktanteile in der Sowjetunion gestärkt wird: "Ohne klare Zeichen dafür, daß das Handelsabkommen ratifiziert wird, werden amerikanische Geschäftsvorschläge im Vergleich zu europäischen und japanischen in der Sowjetunion immer zweite Wahl bleiben", schrieb der Präsident des Unternehmensverbandes NUM, Jerry Jasinowski, vor dem Washingtoner Gipfel an Präsident Bush. Bislang hatten die Amerikaner keinen "fairen Anteil" am sowjetischen Markt, der Vertrag könne dies ändern, sagte auch Kemton Jenkins vom Stahlhersteller Armco der Zeitschrift Business Week.