Bank und Börse

Angefangen hat alles recht positiv. Als der Goldpreis Ende vergangenen Jahres innerhalb weniger Tage von 360 Dollar auf 420 Dollar kletterte, begannen die Gold-Gurus wieder zu jubeln. Das Ende der Edelmetall-Baisse sei erreicht, prophezeit wurden neue Rekordpreise von 500, 700 oder gar 1000 Dollar je Feinunze. Gefestigt wurden diese Aussagen, als der Preis für die Feinunze Gold zwar kurzzeitig noch einmal die 400-Dollar-Marke testete, dann jedoch erneut nach oben in Bewegung kam. Doch schon im März folgte die große Wende: Innerhalb weniger Wochen büßte der Goldpreis seinen Gewinn wieder ein, und heute dümpelt er zwischen 360 und 375 Dollar vor sich hin.

Schnell haben die Experten mit der Ursachenforschung begonnen. Als "Schuldige" wurden jetzt die Ölförderländer des Nahen Ostens ausgemacht, die ihre Bestände dem Vernehmen nach langfristig verringern wollen und zuletzt massiv auf der Verkäuferseite gestanden haben sollen. So haben etwa Verkäufer aus Saudi-Arabien Ende März angeblich 23 Tonnen Gold und Ende Mai weitere 15 Tonnen auf den Weltmarkt geworfen, was zu einer erheblichen Verunsicherung geführt hatte.

Die Nahost-Länder sind freilich nicht die einzigen, die abbauen wollen. So benötigt China, das mit einem geschätzten Goldvorrat von 500 Tonnen ein erhebliches Marktpotential besitzt, infolge des Rückgangs im Tourismus dringend Devisen. Auch die Sowjetunion, deren Zahlungsprobleme in den letzten Wochen mehrfach für Schlagzeilen gesorgt haben, könnte sich über den verstärkten Verkauf von Gold Devisen beschaffen. Aber auch der Internationale Währungsfonds beabsichtigt – ebenso wie manche Notenbanken –, sich von einem Teil seines Goldes zu trennen. Und schließlich wird derzeit in Australien so viel Gold gefördert wie nur eben möglich. Der Grund dafür ist die Tatsache, daß ab 1991 die Unternehmensgewinne australischer Minen erstmals mit 39 Prozent besteuert werden und nun alle Gesellschaften versuchen, noch 1990 möglichst hohe Gewinne auszuweisen.

Den gestiegenen Abgabemengen steht andererseits kein angemessener Verbrauch gegenüber: Die Schmuck-Industrie als Hauptabnehmer des gelben Metalls verzeichnet eine stagnierende Nachfrage von Kundenseite. Auch die Japaner, die in den letzten Jahren in erheblichem Umfang als Käufer speziell für Sondermünzproduktionen am Markt aufgetreten sind, bemühen sich derzeit eher um die Stabilisierung der eigenen Börse denn um die internationalen Goldmärkte.

Auch private Anleger halten Distanz zum Gold. Für sie gilt Gold nach wie vor als traditionelles Krisenmetall – nur gibt es derzeit eben erfreulicherweise wenig Krisen. So setzen die Großmächte ihren Harmonisierungskurs fort, selbst in der Sowjetunion gilt der Begriff Marktwirtschaft heute nicht mehr als Tabuthema. Politische oder wirtschaftliche Auseinandersetzungen größeren Ausmaßes sind mithin derzeit nicht zu erwarten. Auch die Inflationsraten in den meisten westlichen Ländern, die früher den Goldpreis in die Höhe getrieben haben, rangieren in einer moderaten Größenordnung zwischen zwei und sechs Prozent. Die Realverzinsung – also die Differenz zwischen Habenzinsen und Inflationsrate – war schon lange nicht mehr so hoch wie momentan, so daß Geldanlagen, wie etwa grundsolide Bundesanleihen, auch dem hochbesteuerten Anleger eine attraktive Rendite abwerfen. Gold, das schließlich keinen laufenden Ertrag bringt, gerät damit ins Hintertreffen.

Unter Geldanlegern herrscht mithin derzeit eine eher skeptische Meinung zum Thema Gold vor, zumindest werden keine nennenswerten Gewinnchancen gesehen. Und diese Stimmung findet auch an den internationalen Terminmärkten ihren Niederschlag, die inzwischen weitaus bedeutender sind als das börsentägliche Goldfixing in London oder Zürich: Mit jährlich rund 27 000 Tonnen wird heute zehnmal mehr Gold über Futures-Kontrakte gehandelt als in Form physischen Goldes, so daß eine pessimistische Anlegerhaltung durchaus auch von dieser Seite auf den Preis drückt. Zwei Untergrenzen werden dabei als möglich angesehen: Etwa 350 Dollar betragen die Betriebskosten vieler westlicher Minen, so daß ein Absinken zumindest mittelfristig zu einer Drosselung der Produktion und damit wieder zu höheren Preisen führen würde. Bei 320 Dollar liegt der nächste charttechnische Widerstand, der sich aus einer Fortschreibung des bisherigen Abwärtstrends ergibt.