Das Gedicht "Die Dämmerung", mit dem Alfred Lichtenstein 1911 auf der literarischen Bildfläche erschien, ist zu Recht sein bekanntestes geblieben:

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.

Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.

Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.

Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

In diesen Versen und einer Handvoll anderer Gedichte zeigt der Expressionist seine Stärke: die parataktische Reihung grotesker Einzelbilder, straff verschweißt durch Reim und jambische Rhythmik. Wo er aber zugunsten freierer Formen auf den Reim verzichtet, fransen die Verse aus und zerfallen, denn andere formale Hilfsmittel wollen bei ihm nicht weit tragen: auch gelegentliche, in den besten Momenten durchaus akrobatische Brillanz in der Sprachgebung ("Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen...") tröstet über den Verlust an formaler Konsistenz kaum hinweg, und die häufigen Alliterationswonnen Lichtensteins ("Sehnsüchtige Sünder glotzen gläubig auf") sind der Genießbarkeit eher abträglich.