Das Schlimmste war zu erwarten: Anschläge auf Spitzenpolitiker oder gar Mitglieder des Königshauses; Attentate mit HighTech Bomben, gezündet durch eine Lichtschranke - so ähnlich, glaubten die Antiterrorexperten der britischen Polizei, würde die Irisch Republikanische Armee (IRA) in den nächsten Monaten eine neue Offensive starten. Doch die brutale Dreistigkeit, mit der die Killerkommandos von der grünen Insel vor Pfingsten zuschlugen, überraschte selbst deren professionelle Gegner in Diensten Ihrer Majestät.

Auf offener Straße erschoß am Sonnabend vergangener Woche ein IRA Mörder in Dortmund den Rheinarmee Major Michael John Dillon Lee vor den Augen seiner Frau; auf der Flucht durch die nächtliche Revierstadt feuerten der Killer und sein Komplize auf die sie jagende Polizei, um dann nach zehn Kilometern bei Lünen mit einem Mazda 626 in voller Fahrt eine Straßenblockade aus Streifenwagen zu durchbrechen.

Nur Stunden zuvor hatten im Bahnhof des englischen Ortes Lichfield, 200 Kilometer nördlich von London, zwei Maskierte auf drei dort wartende Rekruten in Zivil geschossen: Der neunzehnjährige Waliser William Kobens starb, seine Kameraden Neil Evans und Robert Perkins überlebten verletzt. Die Mörder entkamen zu Fuß über die Schienenstränge.

Vor einer Woche hatten Killer - womöglich dieselben wie in Dortmund - abends auf dem Marktplatz der niederländischen Grenzstadt Roermond zwei australische Touristen mit Garben aus automatischen Gewehren getötet: Die Opfer besaßen einen Wagen mit britischem Kennzeichen. Die Täter hatten die Australier irrtümlich für Soldaten der Rheinarmee gehalten - very sorry. So war es nach dem Anschlag einer Erklärung der IRA zu entnehmen. Auch nach den Schüssen von Lichfield und Dortmund folgte prompt das eiskalte Statement aus Dublin: "Aktive Einheiten der IRA haben in der vergangenen Nacht zwei geplante Operationen gegen britisches Militärpersonal in England und Westdeutschland ausgeführt. Solange britische Truppen in Irland bleiben, gehen diese Angriffe weiter "

Für die Bundesdeutschen ist der Krieg im fernen Nordirland nicht mehr als ein Mattscheibengefecht, bestehend aus kursorischen Meldungen in Bundesrepublik längst zum Ersatzschlachtfeld auserkoren hat, wird dem Fernsehvolk kaum bewußt. Denn der Exilkrieg der Nordiren findet hinter den Mauern der Kasernen oder rund um die Ghettos der britischen Stationierungsstreitkräfte in Nordrhein Westfalen und Niedersachsen statt. Deutsche gehören äußerst selten zu den Opfern, und so rauscht es nur kurz im Blätterwald, wenn mal wieder ein Soldat der Rheinarmee zu Grabe getragen werden muß. Seit 1987, dem Beginn der neuen Terrorwelle in der Bundesrepublik, verübte die IRA zehn Anschläge, drei davon konnten vereitelt werden. Allein im vergangenen Jahr ermordeten die IRA Attentäter sechs Menschen - in Hannover, Münster, Dortmund und Wildenrath. Hätten beispielsweise Terroristen von der Rote Armee Fraktion eine derart breite Blutspur hinterlassen - Generalbundesanwalt und Bundestag wären in heller Aufregung.

Die Mörder aus Belfast nutzen das Desinteresse der bundesdeutschen Gesellschaft geschickt. Im Gewimmel des indifferenten Sechzig MillionenVolkes können sie leicht entkommen, die britischen Antiterrorkommandos tun sich so schwer wie eine Fußballmannschaft beim Auswärtsspiel. Die IRA fühlt sich sogar so sicher, daß sie noch in der Mordnacht am vergangenen Samstag vor einer Dortmunder Kaserne einen roten Polo vorfahren ließ. Durch das heruntergekurbelte Fenster rief der Fahrer der Wache zu: "1t has >een fuckGas und war verschwunden.

Aus der Perspektive der Belfaster Strategen sprechen ideologische und taktische Gründe dafür, einen Nebenkriegsschauplatz in der Bundesrepublik zu eröffnen. Die Rheinarmee, außerhalb Großbritanniens der Krone stärkstes Heer und mit drei Milliarden Pfund pro Jahr einer der größten Posten in Londons Wehretat, trainiert in der Bundesrepublik ihre Truppen für den Einsatz in Nordirland. Zum Beispiel in der Kulissenstadt "Tin City". Dort, irgendwo im Münsterland, erleben Soldaten die Tücken der Belfaster HinterhofGeographie und rüsten sich für den Kampf gegen Heckenschützen und Bombenleger. Zwischen Reihenhäusern aus Wellblech, maßstabgerecht den schäbigen Behausungen in West Belfast nachempfunden, setzen Uniformierte den als IRA Kampfern kostümierten Kameraden nach, trainieren den Häuserkampf und üben in Feuerdeckung das Überprüfen verdächtiger Gestalten. Das Rollenspiel nimmt bisweilen makabre Formen an, wenn zum Beispiel Soldaten eine IRA Beerdigung aufführen und die trauernde Gemeinde von Familienangehörigen dargestellt wird.