Von Ernst Weisenfeld

Die International Herald Tribune stellte am 7. Mai auf zwei Seiten die Frage: "Was wurde er jetzt tun?" Wer damit gemeint war, zeigte ein großes blau-weiß-rot getöntes Portrait: Charles de Gaulle. Der Staatspräsident Frankreichs, der in den sechziger Jahren mit seiner Vision Europas "vom Atlantik zum Ural" den Amerikanern Ratsei aufgegeben hatte, sollte nun – am Vorabend der traditionellen Siegesfeiern – mithelfen, die Grundlagen einer europäischen Friedensordnung zu finden. Dem amerikanischen Blatt ging es vor allem um die Frage, welche Rolle den USA dabei zufallen wurde. Henry Kissinger wagte die Behauptung, de Gaulle wurde heute begreifen, daß man ein vereintes Deutschland nur dann in der integrierten Nato-Struktur halten könne, wenn sich auch Frankreich wieder hinzugeselle.

Eine solche Prognose findet keine Bestätigung in dem Buch, das ein enger diplomatischer Mitarbeiter de Gaulles während der sechziger Jahre jetzt veröffentlicht hat und das sich mit dessen Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen befaßt – eine Frage, die für die Franzosen aufregender ist als das Thema "de Gaulle und die Amerikaner".

Nun, Pierre Maillard hat sein Buch, das wird deutlich, vor allem geschrieben, um mit vielen Details und Aktenkenntnissen zu bezeugen, daß der legendäre Resistance-General bei aller Skepsis und in voller Kenntnis der Verschiedenartigkeit ihrer Charaktere eine unauflösliche Verbindung zwischen Franzosen und Deutschen anstrebte, "eine Heirat, die auf ein nennenswertes Maß an Gefühlen, aber auch auf viel Vernunft gegründet sein sollte". Und er zitiert eines der letzten Worte de Gaulles zu André Malraux: "Wenn das Schicksal unsere Heirat mit Deutschland vorsieht, dann soll es geschehen." Als de Gaulle das sagte (1970), war die Vision, die Maillard für seinen "Traum" vom deutsch-französischen Zusammengehen ausgibt, unvollendet geblieben.

De Gaulle ein Traumer? Adenauer soll ihn einmal einen "Romantiker" genannt haben. Ein Don Quichotte und ein Machiavelli war er sicher auch. "Der härteste, kaiteste und klarste Politiker der Welt" war er für den Bundesaußenminister Gerhard Schröder, der ihn skeptisch beurteilte, was auf Gegenseitigkeit beruhte.

Im Verhältnis de Gaulles zu Deutschland und den Deutschen lassen sich alle diese Charakterzüge erkennen; das gibt dem Buch Maillards seinen Reiz. Natürlich war de Gaulle "ein Mensch mit seinem Widerspruch", und auch seine Politik gegenüber Deutschland war von einem großen Widerspruch geprägt: zunächst vom Versuch, es zu zerstückeln, Frankreichs Willen zu unterwerfen – das war die unmittelbare Nachkriegspolitik –, und dann, zehn Jahre spater, vom Versuch einer bestandigen Partnerschaft, zumindest "Junior-Partnerschaft". Diese Politik hinterließ er seinen Nachfolgern. Dazwischen lag die Erkenntnis einer ungeheuren Veränderung der Welt.

Auf jeden Fall war sein Verhältnis zu den Deutschen immer von Faszination, Besorgnis und Respekt geprägt. Dabei hatte er sie sich genauer angesehen als die meisten Zeitgenossen. Nietzsche und Goethe standen in seinem Bücherschrank. Er zitierte sie ebenso wie Kant und Hölderlin. Als Hauptmann und Major in Trier und Mainz hatte er "Das dritte Reich" von Moeller van den Bruck gelesen. Bismarck wird von ihm unvoreingenommen beurteilt.