orgen, Kinder, wird’s was geben. Am Freitag dieser Woche vergibt der Bundesinnenminister (zur Erinnerung: Dr. Wolfgang Schäuble, CDU) in Berlin den Deutschen Filmpreis, zum vierzigsten Mal seit 1951. Damals bekam Josef von Bakys Kästner-Verfilmung "Das doppelte Lottchen" einen goldenen Leuchter und ein paar warme Worte dazu. Inzwischen geht es um stattliche Prämien: 600 000 Mark für ein "Filmband in Silber", 750 000 Mark für ein "Filmband in Gold" und 900 000 Mark für den Höchstpreis, die "Goldene Schale".

Nominiert sind diesmal Klaus Maria Brandauers wackerer "Georg Elser", Bernhard Wickis fades "Spinnennetz", Michael Verhoevens Politposse "Das schreckliche Mädchen", Carl Schenkels Krankenhaus-Schnulze "Zwei Frauen", Uli Edels amerikanisches Schmalspur-Epos "Letzte Ausfahrt Brooklyn", ein Film des Niederländers Fons Rademakers, den noch kein Kinozuschauer zu Gesicht bekommen hat ("Der Rosengarten"), und vier Produktionen deutscher Nachwuchsregisseure, die wenig gekostet und im Kino noch weniger eingespielt haben. Zwei der wichtigsten deutschen Filme des letzten Jahres, Michael Kliers "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" und Dominik Grafs "Tiger, Löwe, Panther", fehlen in der Auswahl. Das ist schlimm, aber es ist keine Katastrophe.

Die wahre Katastrophe ist die Situation des Films in Deutschland, die durch die Berliner Preise nur halbherzig verschleiert wird. Der deutsche Film ist, wirtschaftlich und künstlerisch, am Ende. Das läßt sich an Zahlen ablesen: 1989 sank der Marktanteil deutscher Produktionen auf fünfzehn Prozent, in den ersten Monaten dieses Jahres lag er sogar unter fünf Prozent; nur ein einziger von etwa zehn im Kino gestarteten deutschen Filmen erreichte mehr als 250 000 Zuschauer, kam also in die Nähe dessen, was man als "Gewinn" bezeichnen könnte. Nur ein Bruchteil der Jahresproduktion an Spielfilmen kommt überhaupt noch ins Kino, und nur ein Bruchteil dieses Bruchteils läuft dort mit Erfolg.

Die Katastrophe steckt aber auch in den Köpfen, in den Gedanken, in den Filmen selbst. Wer in diesem Jahr auf dem Markt von Cannes mit deutschen Verleihern und Produzenten sprach, der fühlte sich an einen Haufen Bastler erinnert, die sich auf eine Industriemesse verirrt haben. Und wer die meisten einheimischen Produktionen des letzten Jahres mit nüchternem Blick betrachtet, der muß sich fragen, ob solche Totgeburten überhaupt noch eine Erwähnung wert sind.

Mehr als hundert Millionen Mark werden jedes Jahr für die Förderung des deutschen Films ausgegeben. Sie werden falsch verteilt, und sie werden von den falschen Leuten verteilt. Selbsternannte "Experten" aus Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, dem Fernsehen und der Filmwirtschaft sitzen in den Förderungsgremien und wachen darüber, daß kein eingereichtes Projekt die formalen und inhaltlichen Tabus bricht, die der öffentlichrechtliche Proporz diktiert: Die Filme von Peter Greenaway, Luc Besson oder Pedro Almodóvar wären in Deutschland nicht förderungswürdig. Dieses System ist krank. Es macht Regisseure zu Bittstellern und Produzenten zu Bürokraten. Es fördert Filme und vernichtet sie zugleich.

Im deutschen Kino ist es längst nicht mehr fünf vor zwölf, sondern High Noon, die Stunde der Entscheidung. Nicht nur die Gremien müssen umbesetzt, auch die Gesetze müssen geändert werden. Wirtschafts- und Kulturförderung müssen getrennt, der Einfluß des Fernsehens verringert, der Spielraum der Produzenten vergrößert werden. Und nicht mehr die Vertreter von Parteien und Verbänden, sondern Fachleute aus Kinovertrieb und -produktion müssen die Förderungsgelder verteilen. Anstelle der üblichen Kleckerbeträge müssen Millionensummen fließen, damit deutsche Filme im Kino wieder eine Chance haben.

Im nächsten Jahr steht das Filmförderungsgesetz, zum siebten Mal seit 1967, zur Novellierung an. Das ist die letzte Gelegenheit, die Misere zu beenden. Der deutsche Film ist schon beinahe tot, jetzt kann er nur noch begraben oder wiedererweckt werden. Wenn aber nichts geschieht, dann kann der Bundesinnenminister, Schäuble oder nicht, bald einen Preis an sich selber verleihen: wegen langjähriger Verdienste um die Abschaffung des deutschen Films. Andreas Kilb