Von Eduard A. Wiecha

Der Himmel verdunkelt sich. Pferdegetrappel, Schüsse, Schreie. Es riecht nach Pulver und Blei. Trommeln wirbeln, Standarten wanken, Federbüsche fallen. Beifall brandet auf. Die blau-weiß-roten Angreifer weichen zurück.

In seiner Kürze und Präzision und mit der Farbenpracht der Uniformen trifft das Spektakel genau den Geschmack der Zuschauer. Zu Tausenden säumen sie das Schlachtfeld: Waterloo heute.

Alle zwei Jahre werden Episoden des grausigen kriegerischen Zusammenstoßes von 1815 an diesem Ort nachgespielt. Gruppen, die militärhistorische Trachtenvereine sein möchten, reisen unter anderem aus Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada und sogar aus der Sowjetunion an. Das lokale Touristenbüro zimmert den Rahmen und lockt – erfolgreich – die Massen. 1988 kamen 170 000. Diesmal, zum Jubiläum, soll alles noch größer und schöner werden.

Der legendäre Ort, heute 25 000 Seelen zählend, war seinerzeit ein winziges Straßendorf am Rand des Staatswaldes, der von Brüssel aus zwanzig Kilometer nach Süden reicht. Victor Hugo sprach von einer "düsteren Niederung". Er besuchte Waterloo 1861, um Napoleons Desaster für seinen Roman "Les Miserables" monumental und detailversessen nachzuzeichnen.

Der Herzog von Wellington ("Ich wollte es wäre Nacht, und die Preußen kämen") hatte im Gasthof des Ortes für zwei Tage sein Hauptquartier aufgeschlagen. Seine englischen und die befreundeten niederländischen Truppen kampierten auf den Fluren der Nachbargemeinden. Napoleon wiederum hatte seine Armee von Paris aus in Marsch gesetzt. Er wollte die Alliierten abfangen und außerhalb seines Landes schlagen. Verlorenes Prestige sollte zurückgewonnen werden. Doch es kam anders.

Die Preußen hatte man bei Ligny zurückgeworfen, aber nicht wirklich besiegt. Sie formierten sich neu. So konnte Blücher Wellington im entscheidenden Augenblick zu Hilfe eilen. Taktische Fehlleistungen französischer Generäle, aber auch der Zufall werden gemeinhin für den Ausgang der Schlacht verantwortlich gemacht. Als Stefan Zweig die für Frankreich tragischen Zusammenhänge in seinen "Sternstunden der Menschheit" rekonstruierte, war auf der anderen Seite längst der Siegermythos geboren. Ihm verdankt Waterloo heute seinen Ruf. Rund dreißig Orte in den USA sind inzwischen auf diesen Namen getauft, weitere in England, einer sogar in Niedersachsen.