Sicher bedürfte es mehrerer Dissertationen, um die unterschiedlichsten Filmanfänge zu erforschen. Manche geben Rätsel auf. Andere schockieren bloß. Wieder andere, in "Verfolgte Wege" etwa, setzen einen grellen Akzent, der allem weiteren eine besondere Klangfarbe gibt.

Ende des Zweiten Weltkriegs: Ein Soldat flieht, während von überall her Schüsse fallen, in ein zerbombtes Haus. Dort entdeckt er ein junges Mädchen, das starr vor Angst in einer Ecke verharrt. Um sie zu beruhigen und ihr zu helfen, ruft er sie zu sich. Doch bevor sie ihn erreicht, trifft sie ein Schuß. "Ich hab’ sie nicht getötet, ich hab’ sie doch nicht getötet!" So versucht er noch Jahre später, sich zu beruhigen.

Mit dieser Exposition nimmt Uwe Janson seiner Geschichte das Rätselhafte, stellt klar, warum später geschieht, was geschieht. Zur Ästhetik filmischer Anfänge liefert Janson eine besondere Arabeske: daß sie auch überflüssig sein können. Die Flucht in das Haus und das tragische Unglück, das zerbombte Gebäude und die Mimik des Soldaten, die Ausstattung und die Geräusche, alles ist so überdeutlich, als müßte es noch für die dritte Galerie wirken.

Glücklicherweise hält der Film nicht, was dieser Anfang verspricht. All die falschen Töne, es gibt sie bald nicht mehr: weder die holprige Action noch das expressive Spiel, weder die vorschnellen Gefühle noch die eindeutigen Bilder. Statt dessen: kleine Episoden, die manchmal rühren, manchmal irritieren. Wie der Soldat ein paar Jahre später die Nervenheilanstalt verläßt, ungelenk und zögernd. Wie er auf einem Bahnhof im hessischen Windecken eine Stelle annimmt, wo es einmal heißt: "Wir sind nicht Frankfurt, wir sorgen für Frankfurt." Wie er eine junge Frau von einem nahegelegenen Bauernhof trifft und sich verliebt, ohne dafür Worte zu finden. Wie er seine Abenteuer besteht, oft starr vor Angst, wenn er mit Freunden Carepakete aus den Güterwagen klaut. Und wie er vom Malen träumt, wie er die Farben aus der Tube mit den Farben in der Realität vergleicht. So wird auch spürbar, was als Idee durchschimmert: "Es kann weh tun, das Leben!"

Einmal, der Mann ist gerade vor einem Verletzten geflüchtet, der über und über mit Blut bespritzt war, und die Frau ist ihm nachgerannt, sitzen sie lange stumm nebeneinander auf einer Wiese am Wegesrand. Während der Wind rauscht, erzählt das Licht auf ihren Gesichtern von ihren innersten Wunden: "Krieg macht stumm, auch wenn du gesund zurückkehrst!" Norbert Grob