Von Jürgen Dahl

Der 7. Mai war ein Tag der Libellen. Ganz unvermittelt tauchten sie am Nachmittag auf, kreisten am Teichrand entlang, schossen quer übers Wasser, ließen sich nieder, stiegen wieder auf, flogen umeinander und blieben urplötzlich in der Luft stehen. So ähnlich müssen die großwüchsigen Vorfahren der Libellen vor 300 Millionen Jahren schon im Steinkohlenwald umhergeflogen sein.

Später erst entdeckten wir die Ursache der Invasion: An den Halmen und Stengeln im Uferbereich des Teiches hingen Dutzende von grauen, Larvenhülsen mit einem Loch in der Rückenregion, aus dem die Libellen herausgekommen waren. Es war also Schlüpftag gewesen, und alle Larven hatten sich, nachdem sie zwei Jahre lang im Schlamm gewachsen und gewachsen waren, an einem Morgen zur Verwandlung in Libellen entschlossen.

Allerdings gab es am nächsten und übernächsten Tag noch einige Nachzügler. Frühmorgens entstiegen dem Teich an warmen und sonnigen Stellen dunkelbraune, feuchte, urweltlich anmutende Larven, stolperten ungeschickt durchs Gras und suchten einen starken Halm, um daran emporzukriechen und sich mit ihren sechs Beinen daran festzukrallen. Mit einigen ruckartigen Bewegungen prüften sie den festen Sitz der Beine – die ja eigentlich nur noch Hüllen sind, in denen schon die fertigen Beine der Libelle stecken. Ausschlüpfend befreit sich die Libelle von einem Kleid, mit dem sie nichts mehr zu tun hat, weil sie darunter ein völlig anderes Tier geworden ist.

Der Vorgang hat etwas Gespenstisches oder Zauberisches, weil ja zum Zeitpunkt der Anheftung die Larvenhaut durchaus nicht "tot" erscheint, sondern eben als Haut eines ersichtlich lebenden Tieres, aus dem plötzlich ein neues steigt.

Das Ausschlüpfen beginnt damit, daß die Libelle Kopf und Brust aufpumpt, bis die Larvenhaut platzt und den größten Teil des Libellenkörpers freigibt, während der Hinterleib zunächst noch in der Hülle steckenbleibt und damit dem Tier Halt gibt – denn noch ist der Körper schlaff und die Beine sind nicht imstande, ihn zu stützen.

Ganz langsam dehnen und strecken sich jetzt die Körperteile, der Kopf vergrößert sich zusehends, und die anfangs weißlichen, lappigen Flügel härten aus, sie werden glasklar, während ihr farbloses Geäder immer dunkler wird. Inzwischen kann die Libelle sich selbst festhalten und zieht den Hinterleib aus der Hülle, die Stunden vergehen, der Hinterleib wird dicker und länger, die Zeichnung darauf dunkelbraun, die Stunden vergehen, und wir hocken da und sehen zu.