Von Fritz J. Raddatz

Die Erwartung war groß; und die Erwartung war nicht ohne Häme: Wird die nach vielen Abgesängen, Totsagungen und Abschlußversammlungen für den 25. und 26. Mai nach Schloß Dobris einberufene Tagung der legendären Gruppe 47 eine Gespensterveranstaltung? Werden schwerhörige Greise, halbblinde Lyriker, an Krücken hinkende Romanciers und graustumpf gewordene Kritikmatadore die Schatten einer besonnten Vergangenheit beschwören? Jürgen Beckers Abendlicht-Bonmot "Nie war sich die Gruppe so nahe" angesichts der Zusammenrückenden mit der linken oder rechten Hand hinter dem Ohr schien das zu besiegeln. Doch dann war alles ganz anders.

Die erste Enttäuschung: Viele waren gar nicht da. Gemeint sind damit nicht die Toten, deren leere Stühle wie blinde Flecken der Erinnerung schmerzten: Heinrich Böll und Peter Weiss, Hubert Fichte und Erich Fried und Hans Schwab-Felisch. Gemeint ist das Bedauern, wo denn Hildesheimer und Enzensberger und Rühmkorf waren (oder die Erleichterung der Runde, daß ein von vielen Schriftstellern besonders verachteter Kritiker nicht eingeladen war). Unser eilig Vaterland hatte Martin Walser (Wartburgfest) und Joachim Kaiser (Leningrad) verhindert oder skurrile Absagen produziert; ein durch hohe Beamtenpension besonders gut Situierter ließ wissen, die Reise sei ihm "zu teuer". Dem, dessen Werk mit Prag auf besonders verzwickte Weise verflochten ist, Uwe Johnson, widmete Walter Höllerer – der in der Doppelrolle als Autor und Starkritiker brillierte – ein schönes Gedicht: "Weil die Geschichte dir das Haus zertrümmert, / Freundwilliges auseinanderreißt, den / Lehrplan ändert, dir Sprachen beibringt, / Das Erlernen von Sprachen dir verweigert, / Geschichte ist, Geschichten sind / Reichlich vertreten in Jahrestagen / von Prag. // Prag, Uwe Johnson. Die schwarze Abrißkugel, / die von dort dir glühend ans Herz schlägt."

Das war also das ganz andere: Der wundersame, gleichsam erotische Magnetismus der Literatur schuf ganz rasch ein eigenes Kraftfeld. Unter der leisen, behutsam-diktatorischen Regie von Hans Werner Richter ("Undiszipliniertes Herumlaufen wollen wir hier nicht einführen"), im Rollstuhl von Günter Grass liebevoll aufs Podium gehievt, bewährte sich das alte Ritual ein anderes Mal: Autoren lasen ihre Texte, Kollegen "schmeckten sie ab" – manchmal, wie bei Jürgen Becker, voller Bewunderung; manchmal, wie bei Günter Grass, voller reserviertem Widerstand. Beckers Prosagedicht "Vorbereitungen im Herbst" (aus dem im Herbst erscheinenden Band "Das englische Fenster") war ein Glanzstück: "... Im Zugfenster / tauchen Gegenden auf, die im Gang / der Jahrzehnte selten erwähnt worden sind; nun / treffen dich Augenblicke, wie Breitseiten, / Mündungsfeuer aus einer Ferne, die einmal / endgültig abgetrennt schien und plötzlich / zurückfällt in einen Reisetag, der im Dunkeln / begann, frühmorgens, wenn man / die Zelte abbricht und Deichseln / aus der Dämmerung ragen."

Damit war das Leitmotiv der Tagung angeklungen, von fast allen deutschen Autoren aus Ost und West paraphrasiert: die deutsche Not. Nur die tschechoslowakischen Kollegen – etwa Petr Kabes mit seiner bitter bilanzierenden Ode in der Tradition Whitmans oder Nerudas: "Verstanden – Erhalten – Ende" – leisteten sich eine "Verkunstung" im Sinne der Entfernung von der Aktualität. Die Nähe zu ihr, die einen Text auch versehren kann, bestimmte die manchmal emphatische, nie zornige, gar beckmesserische Diskussion. So wurde Grass – der das Nachwort zu seinem kommenden Band mit Zeichnungen "Totes Holz" las – von Hans Christoph Buch leitartikelnaher Umgang mit totem Wortmaterial ("Waldsterben ist ein Wort, das sich der Literatur entzieht") vorgeworfen, und Jürgen Becker verwahrte sich – mir schien: ungerecht – gegen diese Form der literarischen Anbiederung; Hans Joachim Schädlichs Ratlosigkeit war vielleicht eher angebracht – mehr sich als die Kollegen fragte der stets so präzise Wortwäger, warum diese emphatische Trauerrede auf unsere verdorbene Welt ihn unberührt lasse.

Das war das Problem fast ausnahmslos aller Texte. Der hochbegabte DDR-Lyriker Heinz Czechowski ließ mit seinen Notaten zur Zeit – "statt eines Tagebuchs" – die Runde ratlos, weil dem Material an Erfahrung, das Presse und Femsehen täglich vermitteln, nichts hinzugefügt war. Ähnlich erging es Christoph Hein, dessen zwei in Alexander Kluges "Lebensläufe" erinnernde Texte zwar die architektonische Sicherheit des Dramatikers zeigten, aber sprachlich verblüffend ungenau waren; Peter Schneider: "Das ist perfekt gebaut, aber überhaupt noch nicht geschrieben." Hein hatte das Thema seiner einen Erzählung – die Geschichte einer SED-Funktionärin, die das Erlebnis der Vergewaltigung ihrer Großmutter durch zwei Rotarmisten umlog zur pädagogischen Legende von der "glorreichen Sowjetarmee" – verspielt. Umgekehrt war es Czechowski, der sich geradezu verletzt verwahrte gegen einen von F.C. Delius vorgetragenen (etwas litaneihaft scheppernden) Monolog aus einer noch unfertigen Erzählung; die Bilder der Würstchen und Birnenschnaps vertreibenden "Wessis" im havelländischen Ribbeck, Szenen einer "Besetzung", empörten ihn: "Es war zwar so, so ist es aber nicht. Wir sind zwar, auch bei mir in Leipzig, von manchem Mercedes-Fahrer gekränkt – aber wir sind auch glücklich, frei zu sein; meinetwegen sogar für Kränkungen. Wir hatten vorher schlimmere; letale. Das ist Rhetorik statt Authentizität." Es war dem stets etwas clovnesken tschechischen Kollegen Vaculik zu verdanken, zum Gärtner degradiert unter der Diktatur, daß eine gewisse Schärfe dieser Diskussion sich durch eine Frage auflöste; ob Delius, der von einer West-Birne namens "Gräfin von Paris" berichtet hatte, wohl wisse, daß diese Birnensoite wie eine Rübe schmecke. Lachen und Beifall wurden vom richterlichen Richter gerügt: "Klatschen ist nicht üblich."

Das Wunder dieser Tagungen, das Geheimnis ihrer Mechanik war es immer, daß (von einigen berühmt gewordenen Krächen und Ohrfeigen abgesehen) das funktioniert: stundenlang oft hart über Vorgelesenes urteilen – und hinterher beim Bier (bis möglichst tief in die Nacht) zusammensitzen. Die Ursache einer freundschaftlichen Gemeinsamkeit war dieses Mal wohl nicht nur das unter den (in Deutschland hauptstadtlosen) Literaten ausgeprägte Bedürfnis nach einem temporären literarischen Café und seinem Klatsch, kleiner Intrige und Kumpanei. Diese Tagung hatte ja eine besondere Pointe. Sie war nachgeholt. Mit ihr hatten Hans Werner Richter und seine Freunde ein Versprechen eingelöst; denn 1968 sollte ursprünglich – damals als "letzte" deklariert – die Tagung der Gruppe 47 in eben diesem Schloß Dobris bei Prag stattfinden. Sie wurde aus Solidarität mit den Vergewaltigten nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten abgesagt: "Wir kommen wieder, wenn ihr frei seid." Das war die moralische Geste, mehr als zwei Jahrzehnte später.

Sie wurde nicht nur von den teilnehmenden tschechoslowakischen Schriftstellern wahrgenommen und begrüßt. Ein Schriftsteller, der inzwischen eklatantes Synonym ist für den Wandel in seinem Land, hatte mit seiner dringenden Einladung zu dieser Tagung ein spezielles Zeichen setzen wollen: Václav Havel, Präsident der ČSFR. Das Schloß nämlich, ein gigantischer Barockbau inmitten eines französischen Parks, mit Festsälen unter Stukkatur-Decken, Speise- und Clubräumen, Dutzenden komfortablen Gästeappartements und eigenem Restaurant, war der Sitz jenes tschechischen Schriftstellerverbandes gewesen, dessen stalinistische Funktionäre in diesem Feudal-Protz allen Ernstes wohnten, derweil ihre nichtopportunistischen Kollegen sich als Taxifahrer, Fensterputzer und Gepäckträger durchschlugen. Havel hatte es abgelehnt, dieses Gebäude je wieder zu betreten – es sei denn, die damals so wahrnehmbar solidarischen deutschen Freunde hielten ihr altes Versprechen. Deswegen waren wir gekommen. Und deswegen hatte Präsident Havel gebeten, die Verleihung des Preises "Politisches Buch" an ihn und Walter Janka durch die Friedrich-Ebert-Stiftung hier und jetzt vorzunehmen. Ein Symbol ist ein Symbol ist ein Symbol.

Nur muß man es begreifen. Der Dichterpräsident, der seine Unterschrift gerne mit einem Herzchen versieht (man stelle sich das bei Richard von Weizsäcker vor, bei Mr. Bush oder M. Mitterrand), die Palastwache in Phantasie-Uniformen des Kostümbildners von "Amadeus" stecken ließ und in einer blümchengeschmückten weißen BMW-Limousine vorfährt – der erinnerte in seiner phrasenlosen kleinen Ansprache (kurz bevor er sich, Tellerchen in der Hand, am Buffet anstellte) an diesen für die freie Tschechoslowakei wichtigen Anlaß.

Manfred Börner, der sich nun vom Lattenschwingen zur Friedrich-Ebert-Stiftung gerettet hat, erwähnte diese Zusammenhänge so wenig wie irgendeiner der deutschen Redner in ihren sprachlichen Fertigbau-Kunstwerken. Man hatte nicht einmal den Takt und Anstand, Richter dem eintretenden Präsidenten vorzustellen. Er saß malerisch in gelber Decke und grünem Schal und schwarzen Seidenstrümpfen in seinem Rollstuhl "beiseite"; als Ingrid Bacher ihn fragte "Du kennst ihn ja gewiß gut?", sagte Richter – wie er gelegentlich einen Text leise mit einem "Das habe ich nicht verstanden" beurteilt: "Nee, ich kenne den Mann überhaupt nicht." Im lapidaren Ton der perfekten Prosa, die Peter Bichsel vorgetragen hatte, summierte Hans Joachim Schädlich die Peinlichkeit und den Nachtragsmut, jetzt (und nicht etwa vor drei Jahren) Václav Havel einen Preis zu verleihen: "Nachhinkender Gehorsam".

Václav Havel, der ja genug Szenen in seinem Leben entworfen (und durchlebt) hat, genoß sichtlich das Zusammensein mit Schriftstellerkollegen, saß vergnügt mit seinem Gläschen und der nie ausgehenden Zigarette auf dem Sofa, mochte nicht so gerne über den Tod des Sozialismus diskutieren oder über seine Wiederwahl oder darüber, daß er in der deutschen Einheit eben keine europäische Gefahr sehe; er fragte lieber, warum denn eigentlich Siegfried Lenz nicht da und ob der Fasan in der Bismarck-Mühle in Reinbek noch so gut sei, wie es Ledig-Rowohlt ergehe, und ob wir, bitte, auch bestimmt wiederkämen. Der Mann, der sorgsam in einer Dorfkneipe zur 26-Kronen-Zeche drei Kronen Trinkgeld hinzählt, hat ein gutes Gedächtnis; deswegen erwähnte er, gar nicht staatsmännisch, Klaus Juncker, den früheren Leiter des Rowohlt Theaterverlags, der ihm über die schlimmen Jahrzehnte die Treue gehalten, das Überleben ermöglicht habe.

Hans Werner Richter hat auch ein gutes Gedächtnis. "Wir kommen wieder", versprach er; dieses Mal war Applaus nicht verboten.