Seit Jahren ist es das gleiche: Wann immer der IRA ein Terroranschlag gelungen ist, verkündet die Londoner Regierung, daß die IRA niemals siegen werde, und verspricht der empörten britischen Bevölkerung erhöhte Wachsamkeit und verdoppelte Anstrengungen im Kampf gegen die Terroristen. Fast 21 Jahre nach der Entsendung britischer Truppen in die vom Bürgerkrieg geschüttelte Provinz ist ein Ende des Konflikts nicht in Sicht. Die politisch-militärische Doppelstrategie Großbritanniens in den letzten zwei Jahrzehnten hat den erhofften Erfolg nicht gebracht. Militärisch ist die IRA nicht zu besiegen, "die" politische Lösung für das Nordirlandproblem gibt es wohl ohnehin nicht.

War das anglo-irische Abkommen von Hillsborough, das vor fünf Jahren abgeschlossen wurde, ein Schritt in die richtige Richtung? Soll dieser Vertrag, in dem London der Irischen Republik erstmals ein Mitspracherecht in Nordirland einräumte, auf lange Sicht die Teilung Irlands beenden? Die nordirischen Protestanten beantworten die letzte Frage mit einem klaren Ja. Sie witterten von Anfang an Verrat und betrachten das Abkommen als Beginn des Ausverkaufs der sechs Ulsterprovinzen an die verhaßte Irische Republik. Fragt man Diplomaten der Irischen Republik, so erklären auch sie, allerdings nur im privaten Gespräch, daß sich Großbritannien langfristig aus Nordirland zurückziehen will. Niemand in London oder Dublin würde solche Absicht offiziell eingestehen. Vertreter der Thatcher-Regierung müssen solche Interpretationen ihrer Nordirlandpolitik schon aus innenpolitischen Gründen scharf zurückweisen. Gleichwohl hat das Hillsborough-Abkommen nur Sinn, wenn es das Ende der britischen Souveränität anpeilt.

Die Mehrheit der Briten ist des Nordirlandproblems längst überdrüssig. In den vergangenen Jahren wurden die Stimmen immer lauter, die den Rückzug der eigenen Truppen fordern, weil es keinen Frieden geben könne, solange britische Soldaten in der Bürgerkriegsprovinz stehen. Insgeheim mögen viele Briten gehofft haben, daß Margaret Thatcher mit dem ihr eigenen Mut und Durchsetzungsvermögen darangehen werde, den gordischen Knoten zu durchschlagen und eine schnelle Radikallösung anzusteuern.

Klar ist, daß es wohl nur eine konservative britische Regierung wagen könnte, einen Kraftakt ähnlich dem de Gaulles in Algerien oder Nixons in Vietnam zu unternehmen. Der Vorwurf des nationalen Ausverkaufs würde der Siegerin im Falklandkrieg politisch nicht so leicht schaden können. Aber noch erlaubt es die Situation in Nordirand nicht, eine solche Lösung offen anzugehen, selbst wenn der Wunsch danach übermächtig werden sollte.

Das Nordirlandproblem ist schließlich eine Hinterlassenschaft des britischen Kolonialismus auf der Nachbarinsel. Die Teilung in eine südirische Republik und eine nordirisch-britische Provinz schien 1921 die einzig praktikable Lösung darzustellen, lebte doch im nördlichen Teil der Insel eine Bevölkerungsmehrheit, die um nichts in der Welt irisch werden wollte; daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der schwelende Bürgerkrieg zwischen katholischer Minderheit und protestantischer Mehrheit wird aus vielen Quellen gespeist: Konfessionelle Gegensätze werden von vielen Nordiren so tief empfunden wie zu Zeiten der europäischen Religionskriege; an der jahrzehntelangen sozialen, ökonomischen und politischen Diskriminierung der Katholiken hat sich kaum etwas geändert. Der Haß auf "die anderen" ist wesentlicher Bestandteil des kulturellen Erbes, das die beiden Bevölkerungsgruppen intensiv, geradezu inbrünstig pflegen und von Generation zu Generation weitergeben. Allzu viele Nordiren, zumal ihre politischen Repräsentanten, haben ein langes Gedächtnis und ein unstillbares Bedürfnis nach alttestamentarischer Vergeltung.

Daß Gesellschaften, die im Krieg stehen, stärker zu barbarischen Reflexen neigen, erweist sich auch in Großbritannien. Längst hat sich ein garstiger Populismus breitgemacht, der fordert, die Terroristen sollten nach dem Motto Auge um Auge, Zahn um Zahn bekämpft werden. Gezielte Todesschüsse in Nordirland, nicht zuletzt das Gibraltarunternehmen der britischen Antiterroreinheit SAS, bei dem drei unbewaffnete IRA-Leute niedergeschossen wurden, demonstriert, daß die staatlichen Instanzen sich gelegentlich zumindest der gleichen Methoden bedienen wie die Terroristen.